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Tod des Bildhauers Horst Brühmann

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Tod des Bildhauers Horst Brühmann

Tod des Bildhauers Horst Brühmann
Zum Tod des halleschen Bildhauers Horst Brühmann
 
Dem Werk des halleschen Bildhauers Horst Brühmann bin ich zuerst in der Ausstellung „Gerhard Lichtenfeld und seine Schüler“ begegnet, mit der 1986, acht Jahre nach Lichtenfelds frühem Tod, die Hochschule Burg Giebichenstein in der Kunsthalle Bad Kösen des verdienten Lehrers der halleschen Bildhauerei gedachte. Mir war Brühmanns lebengroße Figur eines schreitenden Jünglings („Der Weg“, Bronze 1982) aufgefallen; von ihr habe ich damals im Katalog gschrieben: „...glaubt man einen verjüngten Rodin zu sehen – was sowohl das Alter des Dargestellten wie die Zeitgenossenschaft des Künstlers meint.“ Ich ahnte nicht, dass die Figur für den Lichtenfeld-Schüler der Beginn eines anspruchsvollen Projekts zu Grundfragen des Lebens war.
Horst Brühmann selbst lernte ich erst fünfundzwanzig Jahre später kennen; ich traf ihn zur Eröffnung der Ausstellung, die die hallesche Galerie Zaglmaier anläßlich von Lichtenfelds 90. Geburtstag zeigte. Er sprach mich wegen seiner Sorge um die Realisierung eben dieses Projekts an. In seiner stillen Art und der bescheidenen Zurückhaltung, mit der er von seiner Arbeit sprach, erinnerte er mich an Heinrich Staudte, fast drei Generationen vorher Schüler von Gustav Weidanz und bei Gerhard Marcks, dessen rührende Hilflosigkeit gegenüber dem Entschwinden seines Werks aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit in beeindruckendem Kontrast zu seiner menschlichen Integrität stand.
 
Bereits 1985 war die Vorstellung entstanden, den halleschen Domplatz nach der Schließung von Baulücken durch einen Brunnen zu beleben. Hier, auf dem Plateau eines ehemaligen karolingischen Kastells am Hochufer des stadtseitigen Flußarms, der Gerbersaale, wurde am Ende des 13. Jahrhunderts die Kirche des Dominikanerklosters errichtet. Diese damals größte Kirche von Halle ließ Kardinal Albrecht zu Beginn des 16. Jahrhunderts zur Stiftskirche ausbauen, nachdem er 1519 vom Papst die Erlaubnis zur Errichtung eines Kollegiatstifts erhalten hatte. Albrechts Repräsentationsbedürfnis und Kunstsinn führte zu einer Prachtentfaltung, die Halle für Jahrzehnte unter den bedeutendsten Orten der deutschen Frührenaissance erscheinen ließ. Als Stiftskirche „Dom“ erhielt die schlichte Hallenkirche der Dominikaner ein aufwendiges Erscheinungsbild in den neuen Formen. Über dem gotischen Traufgesims wurde dem Bau durch Bastian Binder die hohe Attika aufgesetzt, die seine Steildächer verdeckte und ihm einen horizontalen Abschluß nach italienischen Vorbildern gab; der krönende Rundbogenkranz war zusätzlich mit goldenen Kugeln geschmückt. Im Süden an Stiftskirche und Klausur angeschlossen hatte Albrecht einen italianisierenden Arkadenhof als Universität vorgesehen, den Andreas Günther 1531/37 auf dem spitz zulaufenden Grundstück parallel zur Gerbersaale errichtete. Die in den folgenden Jahrhunderten wechselnde und sich ergänzende Bebauung bewahrte neben der Erinnerung an die mittelalterlichen Ausdehnung des Platzes noch immer auch die Anmutung seines einstigen historischen Charakters.
Der Auftrag für den Brunnen erging an Brühmann als heimischem Bildhauer. Er konnte einen ausgereiften und überzeugenden Entwurf vorlegen, der zugleich seinen eindringlichen Umgang mit dem selbst gewählten Thema, der Auseinndersetzung von Leben und Tod, zeigte. Als Studien konnte er zwei ältere Arbeiten vorweisen: eine in den Jahren 1979/80 erarbeitete Gruppe „Mutter und Kind“, die innige Beobachtung der Verhältnisse von kindlichem und erwachsenem Körper zeigt, und die erwähnte Figur eines Jünglings von 1982 mit der sehr empfindsam erspürten Verbindung zögerlichen Abwägens und und kühnem ins Leben Drängen. Und schon am 5. Februar des folgenden Jahres berichtete Renate Sosnowski in der halleschen Presse: „Mutter mit Kind auf dem Arm symbolisiert Sieg des Lebens. Bildhauer Horst Brühmann gestaltet Brunnen für Domplatz“. 
Doch die Zeiten waren (und sind?) der Kunst nicht so zugetan, dass aus gutem Vorsatz gleich etwas geworden wäre. Siebenundzwanzig Jahre lang mußte der Künstler Geduld aufbringen, Idee und Form seines Brunnens zu entwickeln, Jahre schöpferischer Arbeit an vier lebensgroße Figuren und die größere Gruppe für die Brunnenmitte wenden – ausgefüllte Zeit, die Bronzegüsse vorzubereiten und den Gießer zu beauftragen, Zusammenarbeit mit Denkmalpflegern, Architekten und Bauleuten in die Wege zu leiten, Gelegenheit zu Ausstellungen und öffentlichen Gesprächen mit den künftigen Nutzern zu suchen; doch auch Jahre lähmenden Wartens auf die Entscheidungen der Auftraggeber, ungeduldigen Werbens um  Freunde und Fürsprecher des gemeinsamen Anliegens. 
Es hatte vorher dagegen jahrelange Widerreden gegeben, einen noch zu Zeiten der DDR erteilten Auftrag zu realisieren; auch weil mancher diesen Platz nicht für bemerkenswert, eines Brunnens nicht würdig, bestenfalls „zum Parken geeignet“ hielt - ahnungslose Stimmen von außerhalb, aber auch innerhalb Halles, die vielleicht ebensowenig Ahnung davon hatten, dass der Domplatz  ein bemerkenswerter Ort deutscher und damit auch europäischer Geschichte ist.
In seinem 43. Jahr hatte Horst Brühmann den Auftrag für den Brunnen erhalten, zum 70. Geburtstag erlebte er schließlich dank energischem Entschluss der Stadtspitze die Vollendung seines Werkes. Jetzt aber steht sein Brunnen endlich auf dem vorbestimmten, so lange erträumten Platz und der Künstler konnte noch gemeinsam mit einer festlich gestimmten Versammlung erleben, wie der Brunnen zu fließen begann und das strömende Wasser den ganzen Platz belebte.
 
Horst Brühmann hatte nach dem 1961 abgelegten Abitur Möbeltischler gelernt und anschließend bis 1964 in einem Büro für Städtebau als Modellbauer gearbeitet, bevor er von 1964 bis 1969 an der Burg Giebichenstein bei Friedrich Engemann Architektur studierte. Seine urbanistischen Lehrjahre, Erfahrungen im Umgang mit Körper und Raum, vermittelten ihm die Sicherheit, einem so unregelmäßigen Stadtraum wie dem halleschen Domplatz wieder eine gefestigte Gestalt abzugewinnen. Gegenüber der dominanten Diagonale des gewaltigen Doms und der heterogenen Randbebauung besetzte er mit seinem Brunnen die Platzmitte, deren Pflasterung und Einfriedigung von dem denkmalpflegerisch erfahrenen Büro Stelzer & Zaglmaier neugestaltet wurde, und gab ihr ein neues optisches Zentrum.
Die Raumkoordinaten des Platzes werden von der Vierpassform des Brunnenbeckens bestimmt und aufgenommen. Daraus erhebt sich die konisch aufsteigende Mittelsäule für das Postament der zentralen Figurengruppe. Unter ihrer gerundete Standfläche formt das ausströmende Wasser vier Halbkugelschleier, die in ständigem Fließen sich mit den steinernen Beckenrandungen zu ambivalenter Gesamtform verbinden.
Zu diesem differenzierten Brunnenkörper stellte der 1969 bis 1973 als Aspirant der Bildhauerklasse in Giebichenstein von Gerhard Lichtenfeld ausgebildete Bildhauer vier nur wenig überlebensgroße Bronzeplastiken als äußere Figuren auf hohe, in den Raum weisende Postamente, die den Gestalten eine eigene zentrifugale Bewegung vorgeben; derart aufragend fordern sie Aufmerksamkeit, aber belasten das Platzvolumen nicht. Jeweils in einer Achse stehen eine „Alte Frau“ und eine „Junge Frau“, ein „Jüngling“ und ein „Alter“ mit dem Rücken zum Brunnen und wenden sich dem Betrachter zu. Der erlebt seinerseits im Herumgehen ständig wechselnde Paarungen aus alt und jung und Frau und Mann, wird einbezogen in Harmonie und Konfrontation der Generationen und Geschlechter. Die Gruppe einer Mutter mit ihrem Kind hält die Mittelsäule des Brunnens besetzt. Sie wendet sich aufstrebend dem Leben zu, das Kind an Brust und Schulter bergend. Ihr durchgebogenener Rücken läßt den Tod abprallen, der in einer Schlingerkurve kopfüber in die Tiefe stürzt. Die als Aktfiguren gegebenen Menschenpaare gewinnen dadurch Allgemeingültigkeit, ohne im Detail ihre Zeitgenossenschaft zu verbergen. Der Tod erscheint folgerichtig als Knochenmann wie auf alten Epitaphien.
 
Horst Brühmann, Bildhauer und Architekt, wurde am 19. März 1942 in Halle geboren, er war seit 1973 in seiner Heimatstadt freischaffend tätig. 1977 erhielt er den von Gustav Weidanz für junge Bildhauer gestifteten Preis der Hochschule Burg Giebichenstein; im gleichen Jahr hatte er eine Ausstellung im Moritzburgmuseum und 1983 in der Klosterruine Memleben.
Am am 12. Juni 2014 ist er in Halle gestorben. In letzten Gespächen auf den fertigen Brunnen angesprochen, äußerte er, dass die Zeit, in der er sich darüber hätte freuen können, zu kurz gewesen sei. 
 
Heinz Schönemann
 
 
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