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Geschrieben von: Detlef Färber, Mitteldeutsche Zeitung   
Montag, 19. Januar 2009 um 01:00 Uhr

Ein Stück deutscher Kunstgeschichte VON DETLEF FÄRBER - Der vielbesungene "Mantel der Geschichte" wehte durch den Raum. Und das gibt es selbst bei Vernissagen in der Galerie Stelzer und Zaglmaier nicht oft, wo ja nicht gerade selten bedeutende Lebenswerke namhafter Künstler präsentiert werden. Doch bei der Vernissage für die Schau von Ingeborg Hunzinger musste und durfte ja schon wegen der Anwesenheit der 94-Jährigen ein ganzes Jahrhundert Geschichte und Kunstgeschichte mitgedacht und mitgefühlt werden. "Solange sie die Hände bewegen kann, erwarten wir noch etwas von ihr." Heinz Schönemann Rede für Ingeborg Hunzinger

 

Dass dies auch auf höchst substantielle Weise geschehen konnte, dafür sorgte einmal mehr ein Mann, der mal eine Weile ein Stück hallescher Kunstgeschichte mitschreiben durfte, nämlich der ehemalige Moritzburg-Direktor Heinz Schönemann - ein langjähriger Freund der Künstlerin, die einst die Frau des im Krieg gefallenen halleschen Malers Helmut Rumer war.

Ingeborg Hunzinger, Enkelin des Malers und Max-Liebermann-Freunds Philipp Franck, hatte eine jüdische Mutter. Dies trug ihr neben der im jugendlichen Alter selbsterworbenen und ausgeprägt linken Gesinnung den Hass der Nazis ein und zwang sie zur Flucht. In Sizilien überlebte sie den Krieg und kehrte dann auf Umwegen nach Berlin zurück - nach Ostberlin - wo sie an der Hochschule in Weißensee Meisterschülerin von Gustav Seitz und Fritz Kremer wurde und Assistentin bei Theo Balden.

Später hat sie als Lehrende selbst Generationen von Künstlern mit geprägt. Wieland Förster und Werner Stötzer gehörten zum Beispiel zu ihren Schülern. Zu ihren Werken gehören auch Arbeiten im Plastik-Park von Leuna, die sie in den 60er Jahren übrigens vor Ort gefertigt hat. Eins ihrer wichtigsten Kunstwerke ist in Berlin (Rosenstraße) das Denkmal für jene nichtjüdischen Frauen, die die Deportation ihrer jüdischen Männer durch eine Art Sitzstreik verhinderten. Gegen Widerstände und mangelnde Unterstützung hat die Künstlerin das Projekt vor der Wende initiiert und nach der Wende realisiert. In Halle zeigt die große alte Dame der Plastik nun auch eine ganze Menge sehr plastischer Zeichnungen und überdies etliche ihrer italienischen Aquarelle.

Doch natürlich sind es vor allem die großen und kleineren Plastiken und Reliefs, die Weg in diese so bemerkenswerte und berührende Ausstellung fast zur Pflicht machen. Sind sie doch ein hervorragendes Beispiel jener figürlichen Plastik, um deren Pflege und weitere Tradierung man sich ja nicht zuletzt am Hochschulstandort Halle weiterzubemühen bemüht.

Warum dies lohnt, zeigt Ingeborg Hunzinger mit Arbeiten voller Kraft und Poesie, mal mit bedeutungsvollen Posen, mal nur mit zarten Andeutungen oder Anspielungen. Zu sehen sind Liebende, Trauernde, Lauschende - mal wuchtig, mal filigran und auch mal witzig.

Die 94-Jährige ist übrigens eine noch immer tätige Künstlerin, die sich laut Schönemann derzeit mit dem Thema Rosa Luxemburg beschäftigt. Der Laudator der Vernissage spornte sie dazu sogar ausdrücklich an: "Solange sie die Hände bewegen kann", so Schönemann mit Blick auf die Frau im Rollstuhl, "erwarten wir noch etwas von ihr."

Die Ausstellung ist zusammen mit einer kleinen Retrospektive auf das grafische Werk von Norbert Wienzkowski in der Galerie Stelzer und Zaglmaier (Gr. Steinstraße 57) zu sehen. Geöffnet werktags 13.30-18.30 Uhr. Im Netz unter: www.InterArtShop.de