Home Eroeffnungsreden Hans-Christoph Rackwitz, Prof. Dietmar Petzold, Winfried Alexander

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Geschrieben von: Thomas Zaglmaier   
Samstag, 28. März 2009 um 01:00 Uhr

Rede zur Ausstellungseröffnung „Druckgrafiken“

Der erblindete, greise Forst- und Ökonomierat a. D., Figur der Stefan Zweig Novelle „Die unsichtbare Sammlung“, streicht liebevoll über die wunderbaren durch ihn jüngeren Jahren erworbenen grafischen Meisterwerke. Er beschreibt gerührt die ihm in Erinnerung gebliebenen Details der Darstellungen, vergleicht Druckqualitäten und berichtet zur Provenienz. Der Leser weiß, dass hier leere Blätter beschrieben werden, weil die Arbeiten der Sammlung in Krisenzeiten verlustreich verkauft wurden. Auch wenn der alte Mann zweifelt, wird die Lüge dennoch vor ihm verborgen gehalten. Seine Erinnerungen, seine Begeisterung, seine Liebe werden ihm nicht genommen.

Gute Grafiken kann tatsächlich eine Aura umgeben, die einzigartig ist und welche bestimmt wird von Gefühlen und assoziativen Erinnerungen. Sehend erleben wir diese Ausstellung und auch unsere Gedankenwelt ist gegenwärtig und beeinflusst unsere Wahrnehmung.

Obwohl die grafischen Arbeiten von Winfried Tilmann Alexander, Prof. Dietmar Petzold und Hans-Christoph Rackwitz eingesperrt hinter Passepartout und Glas präsentiert werden, meint man die frischen Druckfarben riechen, den weichen Karton fühlen zu können. Es ist die Ausstellung von Absolventen der Hochschule Burg Giebichenstein und großartigen Künstlern, welche selbst über Jahre als Lehrer an dieser Kunsthochschule unterrichteten. Wir sehen verwandte Drucktechniken und Charaktere, die höchst differenziert damit umgehen. Das macht die Ausstellung zusätzlich spannend.  

Die großformatigen Kaltnadelradierungen von Winfried Tilmann Alexander verfügen über ein so wunderbares, tiefes Schwarz und sensibelste Graustufen, dass man die Farben zu fühlen glaubt. Unglaubliche Strukturen, zarte Linien und kräftige Striche. Begeistert betrachtet man die Arbeiten und fragt sich wie diese entstehen. Alles scheint erlaubt und führt zum Ziel. Verschiedene Nadeln, Sandpapier, Kratzeisen und Werkzeuge, die Winfried Alexander eigens anfertigte, gräbt der Künstler in die Oberflächen der blanken Metallplatte ein. Die so mit kalter Nadel bearbeiteten Platten werden nun vorsichtig erhitzt und mit Farbe versehen. Für das Ergebnis ist es ebenso wichtig, dass die Farbe gut ausgerieben und sauber gearbeitet wird, wie das der Druckvorgang selbst mit großer Kraft, präzise und gleichmäßig ausgeführt wird. All dieses, sowie Können, Erfahrungen und handwerkliche Raffinessen, sind selbstverständlich notwendig. Beherrscht der Künstler diese, kann er sie ausreizen und konzentriert aber auch spielerisch arbeiten.

So entstehen bei Winfried Alexander großartige Kaltnadelradierungen aber auch farbige Lithografien, die atmen, Lebenserfahrungen reflektieren und deren Figürlichkeit wunderbare zeitgenössische Kunst im Spannungsfeld der Generationen darstellt.  

Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Ausstellung von Arbeiten des Karl-Erich Müller im Sommer 2007 lernten wir Prof. Dietmar Petzold persönlich kennen. Wir wussten von seiner Tätigkeit als Hochschullehrer an der Burg und kannten einzelne Arbeiten, die wir an den Wänden von Sammlern sahen. Damals verabredeten wir eine Personalausstellung, welche der heute zu eröffnenden Kabinettausstellung in nicht all zu ferner Zukunft folgen sollte.  

Prof. Petzold schätzt Bibliophiles. Ein Gang zum Antiquariat wird regelmäßig mit einer Trophäe gekrönt. Seit Jahrzehnten sammelt er mit Vorliebe Ausgaben der Inselbücherei. Um die Bände zu schützen, nimmt es Prof. Petzold auf sich, die gelegentliche Genusszigarette doch lieber auch dem Balkon zu rauchen.  

Petzolds Liebe zum Buch und zur Illustration spürt man bei der Betrachtung seiner Arbeiten. Man muss sich Zeit nehmen für den Genuss der Aquatinten, Radierungen und Linolschnitte und die Details erforschen. Es lohnt sich die Texte zu lesen, welche Petzold als Zitate und grafische Mittel anordnete. Erfreuen Sie sich an dem fein gearbeiteten und äußerst detailreich angelegten Innenraum des Halleschen Domes. Vergänglichkeit ist das Thema und das etwas Neues entsteht. Man ist schnell eingenommen von den Geschichten, die erzählt werden und fühlt sich unmittelbar angesprochen.  

Die Möglichkeiten der Aquatinta, einer Tiefdrucktechnik, bei der durch Einbrennen, Abdecken und Ätzen oft in mehreren Arbeitsschrittwiederholungen Druckergebnisse erzielt werden können, welche malerisch und mitunter pointillistisch anmuten, kommen dem Künstler oft in Kombination mit der Technik der Ätzradierung sehr recht. Eine fast 250 Jahre alte Drucktechnik – nach wie vor spannend und aufregend schön.  

Hans-Christoph Rackwitz zeigt in dieser Ausstellung, die wir sicher zu früh mit „Druckgrafik“ überschrieben haben, überwiegend Zeichnungen und Aquarelle. Für mich ist dieser kleine Fehler allerdings kein Problem, zumal es sich mehrheitlich um Studien bzw. Vorarbeiten für bekannte Druckgrafiken des Künstlers handelt. Im vergangenen Jahr schuf Rackwitz u. a.  das „Kaleidoskop einer Großstadt“ – eine beeindruckende farbige Ätzradierung unserer Stadt. In seiner äußerst beliebten detailreichen Manier fand der Künstler die Aufmerksamkeit der halleschen Kunstfreunde, so dass das Blatt heute bis auf wenige Exemplare vergriffen ist. Die hier gezeigte Studie ist eigenständig gültig und ein Unikat.  

Hans Christoph Rackwitz ist Architekturzeichner und Beobachter der Natur. Er liebt Geschichte und Geschichten. So wie Hans-Christoph Rackwitz seine diesjährige Sondergrafik zur alljährlichen Kabinettausstellung „Einblicke“ nannte und damit auf historische Innenräume unserer Stadt verweist, könnte man die komplette Ausstellung mit dem gleichen Titel versehen.   Sie erleben Einblicke in das künstlerische Werk von drei der namhaftesten halleschen Druckgrafikern und Einblicke in deren Erlebniswelten. So sind diese Einblicke oft sehr persönlich.

In jedem Fall dürfen wir uns freuen, an dieser besonderen Ausstellung teilhaben zu dürfen.  So endet auch Stefan Zweigs die eingangs erwähnte Novelle mit dem Goethewort „Sammler sind glückliche Menschen“.