| Geschrieben von: Dr. Hans-Georg Sehrt |
| Samstag, 15. August 2009 um 15:00 Uhr |
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Sehr geehrte Damen und Herren!
Es gibt wenig „Nachlassbetreuerinnen“ – schon ein seltsames Wort – die sich so intensiv und kontinuierlich um das ihnen überlassene künstlerische Lebenswerk kümmern wie Johannetta Baust. Das ist bei aller Galeriebetreuung doch immer recht aufwändig und mit mancherlei Mühe verbunden. Doch Johannetta Baust, die selbst zugegebenermaßen auch nicht mehr zu den ganz Jungen zählt, nimmt das seit vielen Jahren auf sich. Hat sie noch in DDR-Zeiten Willi Sitte dazu gebracht sich für die Rahmung eines größeren Bestandes zu Ausstellungszwecken einzusetzen, so gab es 1995 eine größere Ausstellung des Halleschen Kunstvereins in der leider nicht mehr vorhandenen Galerie Marktschlösschen. Auch wenn an anderer Stelle leider zu wenig für die öffentliche Präsentation der halleschen Kunst geschieht, trifft es sich hier mit dem Engagement der Galerie Dr. Stelzer und Zaglmaier recht gut, auch in Verbindung zwischen ehrenamtlichem Halleschen Kunstverein und professioneller Galerie. Eine nächste größere Ausstellung ist ja wohl geplant …
Auf Bitten von Frau Baust geht es mir im Folgenden nicht darum, großartige Stilkritik zu üben, sondern darum an Fritz Baust zu erinnern, denn die Zeit ist schnelllebig und das Vergessen groß – wenn man nichts sieht, noch größer. 3 Thesen: 1. Fritz Baust war ein ernsthafter fähiger Maler, dessen Werk zu Unrecht in Halle (fast) vergessen ist und an den zu recht erinnert werden muss. Einige Bilder von ihm gehörten in eine ständige Ausstellung zur bildenden Kunst nach 1945 in Halle an der Saale. Wenn es die denn gäbe … 2. Fritz Baust war ein versierter, beweglicher, kontaktfreudiger, sich oft für seine Künstlerkollegen einsetzender Allround-Künstler, der nach 1945 zum Aufschwung der Kunst, überhaupt der Kultur in Halle eine begrenzte Zeit einen wichtigen Beitrag geleistet hat. 3. Freunde und Künstlerkollegen der 50er und 60er Jahre wussten, was sie an Fritz Baust hatten. Zu 1.: Der Weg zur Kunst: Geboren weit weg in Oberliederbach 1912. Das Gymnasium finanzierte ihm seine Großmutter mit Gemüseverkauf. Ja und dann kam keine renommierte Kunstakademie sondern die Ausbildung zum Kirchenmaler bei einem Kirchenmaler in den Niederlanden (übrigens gibt es hier Brücken u. a. zu Karl Völker, zu Meinolf Splett). Es folgte Dekorationsmaler und Innenarchitekt in Berlin, Kriegsdienst mit „Front“-Kabarett-Freistellung (für Charkow z. B. belegt von Arthur Lipsch, der als Soldat hier das erste Mal Fritz Baust begegnet war, später in Halle sollten sie viel zusammen arbeiten). Nach der ersten Ehe, seine Frau Helene starb 1950, folgte 1952 die Hochzeit mit Johannetta Kerzel/Baust, Alle Grundlagen für Späteres waren also gelegt – figürlichen Malen auf großen Flächen, Beziehung zur Architektur/Innenarchitektur, Umgang mit dem Raum, Theater-Kabarett-Akteur, Frau Johannetta usw. Zu 2. – einige Stationen und Werke (zumeist in Halle): 1945 war er hauptamtlicher Dezernent für Jugendfragen beim Volksbildungsamt der Stadt Halle, aber nicht lange. 1945 – 46 kurze Zeit Mitglied der SPD, dann SED, Oktober 1946 trat er wieder aus. Am 21. Juni 1946 eröffnete er als erster Intendant des Theater der Jugend Halle mit Mozarts „Bastienn und Bastienne“ (Bühnenbild). Dann folgte „Die Fähre“, Mitgründer und Schriftführer F. B. 1953 gab es ein riesengroßes Bild von Stalin für eine Großveranstaltung im Kurt-Wabbel-Stadion (an dem die Künstler nach Erinnerung von Johannetta im Geheimen Farbwurfübungen veranstaltet haben), daran mitgearbeitet hatten Hermann Bachmann, Fritz Freitag, Fritz Rübbert und Jochen Seidel. 1958 fabrizierte er für die Händel-Festspiele ein 6 x 4 m großes Händel-Porträt. Arbeiten für die Leipziger Messe war vielfach existenzrettend. In den Jahren darauf entstanden zahlreiche Wandbilder, Mosaiken, Brunnenanlagen, Johannetta Baust fertigte z. B. nach einem Entwurf von Fritz Baust 1964 einen Wandteppich in „Nadelmalerei“ für das Theater-Cafe (unsere Generation kannte das „Theka“ natürlich gut …). Gaststätten wie der „Weltfrieden“, das „Gastmahl des Meeres“, das Halloren-Cafe, auch das Kreuzfahrtschiff „Fritz Heckert“ wurden künstlerisch unter der Leitung von Fritz Baust ausgestaltet (u. a. dabei Arthur Lipsch, Karl Völker, Fritz Fröhlich), für die Filme seines Freundes Hans Richter entstanden zahlreiche Zuarbeiten. Die Hallenser werden sich noch an das Wandbild am Durchgang zum Hauptbahnhof erinnern „Die Geschichte der Lokomotive“, 4 m hoch, 52,8 m lang, entstanden 1969; jetzt noch vorhanden – die geologische Wand am Saline-Museum, entstanden 1973. Später kommen dann Arbeiten im Pergamon-Museum Berlin und in Rahnsdorf, seinem festen Wohnort seit 1974m Ausstellungsgestaltungen, Wandbilder, Glasfenster. 1982 gestorben in Berlin-Rahnsdorf. Und neben all dem entstand das, wovon Sie heute einen ganz kleinen Ausschnitt sehen – auf Papier, auf Leinwand, auf Holz, auf Hartfaser. Humor ja auch, aber viel Ernsthaftes, manchmal fast altmeisterlich im Umgang mit den Farben, auch impressionistisch, manchmal allein von der Linie lebend. Landschaften, Porträts, Stadtlandschaften, zeichnerische Schnappschüsse, Bilder von der Ostsee, wie wir sie von anderen halleschen Künstlern der Zeit von Bachmann über Kitzel und Bunge bis Knispel finden, Theaterbilder, Clowns und Gaukler, Masken wie wir sie bei Karl Völker u. a. als Spiegel und versteckte Kritik an der offiziell geführten und viele Künstler denunzierenden „Formalismus“-Debatte der Zeit und Auseinandersetzung mit Zeit sehen können (die intensive Beschäftigung mit architekturgebundener Kunst war so gesehen auch eine gewisse Flucht), Reiseeindrücke bis in die Toskana, aber auch Mahnung und Warnung u. ä. Chile, kontra Faschismus. Damit zu 3. – Freunde und Künstlerkollegen wussten, was sie an Fritz Baust hatten: Irene Hein: … Eine bleibende Erinnerung ist mir sein herrlicher Humor, seine treffenden Einwürfe bei den Verbandsversammlungen in einer schwierigen Zeit. Er nannte mutig die Dinge beim Namen, was ihm niemand übel nahm, ja, es wurde gelacht; das alles war wohltuend und unvergessen. Meinolf Splett (am 31. Juli 2009 mit 98 Jahren gestorben): … Ja, wir haben uns bei der „Fähre“ kennengelernt. So um 1955 zogen wir mit Bausts zusammen ans Rive-Ufer. Das zweite Kind – Peter – wurde dort geboren. Mit Fritz Baust habe ich in dieser Zeit das „Halloren-Cafe“ gemacht. Aber erzählen konnte der Fritz, da gab es nichts. So entsinne ich mich – da wohnten wir schon hier in der Reilstraße, ich wollte nur schnell im Sportlerheim da drüben Zigaretten kaufen und traf Fritz, der mir was ganz Wichtiges erzählen musste. … Nach etwa drei Stunden war ich von meinem „schnellen“ Kaufgang zurück, Ulla hatte sich schon Sorgen gemacht. Arthur Lipsch: … Der engere Kreis waren Fritz Baust, Hans Richter, Willi Heimlich, Fritz Freitag und ich. Wir trafen uns über das gemeinsame Arbeiten hinaus auch privat. Aber Organisator für Aufträge und vieles andere war immer für uns alle Fritz Baust. Das hätten wir gar nicht gekonnt. … Er war überall dabei. Ja. Es gab in Halle eine „Ära Baust“. … Fritz Baust konnte phantastisch erzählen, da hat man ihm alles abgenommen. Man sagte von ihm: „Fritz ist einer, der die Hechte mit dem Lasso fängt.“ Ich wünsche eine gute Begegnung mit den Bildern von Fritz Baust und vielleicht auch mit Johannetta Baust. Danke
Dr. Hans-Georg Sehrt |




