Home Eroeffnungsreden Susanne Theumer - Zeichnungen/Druckgrafik

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Geschrieben von: Prof. Helwig Schmidt-Glintzer   
Samstag, 15. August 2009 um 15:00 Uhr

Ist der Tod grau?

oder

Im Einklang mit der Welt

I

GEGENWART DER VERGANGENHEIT

Das war mein erster Gedanke bei der Vorbereitung auf diese Eröffnungsrede: eine Frage nach der Farbe und ihrem Fehlen und danach, was einen mit der Welt zusammen hält. Nun hat sich das Ausstellungsthema „Zerstöret das Letzte die Erinnerung nicht“ als Aufruf in den Worten W. G. Sebalds darüber gelegt. Was aber ist denn Erinnerung? Wenn Sie die Augen schließen, werden sie unterschiedliches erinnern.

Vielleicht wird Ihnen einfallen, dass Sie sich an gar nichts erinnern – und tatsächlich erinnern wir zwar unendlich viel, aber wir vergessen auch unendlich viel, oder: wir erinnern uns nicht. Haben wir dann die Erinnerung zerstört oder weigern uns einfach – oder weigert sich irgendetwas in uns oder lassen wir uns von der Erinnerung ablenken? Hat man noch eine Erinnerung, wenn man im Reinen ist mit sich und der Welt? Still wie ein See, blank wie ein Spiegel, schuldlos ohne jedes Begehren. Üblicherweise aber kommen Gedanken hervor, drängen zwischen Schlaf und Wachsein in unser Bewusstsein, Bilder, von denen wir nicht wissen, ob sie Erinnerung oder Wunsch sind – verstörend sind sie fast immer. Niemals beruhigend, denn die Ordnung wird durch Erinnerung gestört, ja Ordnung und Erinnerung sind Gegensätze. Wie kann man das aushalten?

Jetzt könnte ich von eigenen Erinnerungen reden, die zwar die Erinnerungen eines Westdeutschen sind, aber doch eines Zonenrandbewohners. Und vieles was in den Landschaften und Bauwerken Susanne Theumers aus ihrer Lebensumgebung als Erinnerungsgegenstand auftaucht, hat es auch andernorts gegeben und ist längst abgeschrieben; nur in ihrer Lebensumgebung hat sich manches länger erhalten als

anderswo – man könnte das auch ein Glück nennen, nur mir stünde solche Rede nicht zu.

Später ist meine Aufmerksamkeit für die Arbeiten Susanne Theumers entflammt: sie zeigte uns vor einigen Jahren in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel einige Arbeiten und ich fand: da ist eine Frau aus der Zukunft zu uns gekommen, eine Frau aus unverbrauchter Vergangenheit, was nur eine Umschreibung von Potential ist, von jemandem, der ein Auge für das hat, was schon vergangen ist, für die Gegenwart. Denn was anderes ist Erinnerung als die Gegenwart der Vergangenheit. Freilich: auch eine Gegenwart ohne Vergangenheit ist Vergangenheit.

Nun sind die Arbeiten von Susanne Theumer gerade nicht die Ins-Bild-Setzung verbrämter Vergangenheit. Sondern Orte und Strukturen, Stimmungen und Landschaften werden festgehalten, die uns entschwinden, die wir vielleicht sogar zunächst gerne entsorgen. Da kommt nun diese junge Frau und gräbt in unser Gedächtnis Bilder einer vergehenden Gegenwart. Gerade weil wir so süchtig zu sein scheinen nach dem bunten Mix der Gegenwart, den Kultgetränken der heutigen Jugend, hat es etwas Überraschendes, ja Verstörendes, wenn da eine junge Frau im Schwarz-grau-weiß kommt und Bilder entwirft, die uns zur Stille zwingen, zum Innehalten, zu einer Art Melancholie. Wie kommt sie dazu?

Ich versage mir an dieser Stelle das Nachsinnen über Farblosigkeit, über Schwarz und Weiß, wobei es ja nicht nur um die Entdeckung eines Kontrastes geht, sondern um Konzentration, um das Einholen von Gleichzeitigkeit, wie in der Tuschemalerei der Gelehrten, wo Schrift und Bild und Bewegung und Gedanke eins werden. Nur dass bei Susanne Theumer nicht das Tachistische zurücktritt hinter die Sorgfalt, hinter die Zeit in ihrer Endlosigkeit, bei einer Frau, deren Puls im Einklang mit der Welt zu sein scheint. Statt diesem Rätsel weiter nachzugehen, wage ich die These, dass die Anhänglichkeit an die untergehende Gegenwart ein Grundbedürfnis gerade der Jugend darstellt, nur dass sie das Bewusstsein dafür oft nicht findet. Ich bin sicher, dass die Arbeiten von Susanne Theumer eine Bildwelt haben entstehen lassen, die den nur räumlich entfernten, aber geistig benachbarten Milieus der Jugend der Gegenwart korrespondiert. Prüfen Sie es selbst! Es sind Sichtweisen in ein verborgenes Dasein, die füllen die Gegenwart auf mit gelebtem Leben, mit Gefühlen und Leidenschaft.

II

FESTHALTEN AN EINER UNTERGEHENDEN WELT

Es ist merkwürdig: da bittet mich diese junge Frau, zu ihren Bildern Stellung zu nehmen, eine Ausstellung zu eröffnen. Weiß sie, dass ich an ihre Altersgenossen denke? Sie weiß doch gar nicht, wer ich bin, oder nur oberflächlich. Aber es ist ja nun einmal das Wagnis des Künstlers, dass er sich äußert und dabei nicht scheut, dass andere darüber sprechen und nachdenken – und er mag sich wundern darüber, was seine Kunst auslöst. Und wenn sie angenommen wird, wird es ihn freuen. Aber den Adressaten sucht nicht der Künstler, sondern die Kunst sich. Wichtig aber bleibt die Kunstfertigkeit, die Professionalität oder besser noch: handwerkliche Solidität des bildenden Künstlers. Das war das erste Kriterium, dem sich in meinem Urteil die Arbeiten Susanne Theumers zu stellen hatten.

Es war aber noch, ich deutete es an, eine andere Nähe, nämlich die Generationennähe. Es gab für mich Erinnerungen an die Bilder meines Vaters, an Bilder des Krieges, dessen Nachhall meine Jugend prägte. Damit hängt zusammen, dass ich eine lange Erinnerung an A. Paul Weber habe, an seine surrealistisch-satirischen Positionen wie sie alljährlich im Kritischen Kalender sich fanden und wie sie einem aus dem Herzen sprechen konnten, der die Geschichte Deutschlands miterlebt, der die geistigen Kämpfe der Weimarer Republik, der den „Kampf um das Reich“ mit ausgefochten hatte und dann nach den Versprechungen des Grundgesetzes die Wiederbewaffnung als Verstörung, ja als Verrat an der eigenen Seele empfand und dass sich alles wiederholen werde. Wird es das? Woher unsere Zuversicht, unser Pessimismus? Nur der Blick zurück lässt uns zu dem Schluss kommen: alles wird gut, alles ist gut! Es ist diese Abgeschlossenheit, diese Geborgenheit, der wir als Kinder unseren ruhigen Schlaf verdanken.

Wenn ich somit behaupte, die Arbeiten Susanne Theumers sind Arbeiten aus dem Inneren Deutschlands, dann mag manchen diese Diktion nicht gefallen, aber es sind ganz offenkundig Arbeiten aus Gefilden Mitteldeutschlands, verlassenen Bauten, funktionslos geworden, glücklicherweise bei manchen und bei anderen verknüpft mit der offenen Frage nach dem Danach. In ihrem Text „Zu meinen Arbeiten (Künstlerischer Werdegang) und Projektarbeit“ schreibt sie: „Es ist mir wichtig, nicht zu vergessen, was in jüngster deutscher Geschichte geschehen ist. ...“. So kam ihr „die Idee, meine unmittelbare Umgebung, also die durch Industrialisierung (hier, in diesem Teil vom Saalkreis und Mansfelder Land vor allem Bergbau und Landwirtschaft) geprägte und veränderte Landschaft zeichnerisch zu erfassen, mich besonders auf die Menschen zu konzentrieren, welche ihr Leben lang dort arbeiteten und nun nach zum Teil vollkommener Einstellung dieser Wirtschaftszweige nach Wende und Deutscher Einheit arbeitslos wurden.“ Sie sieht das Trügerische der traumhaft schönen Landschaft. „Die leerstehenden kulissenhaften Speichergelände aus ehemals landwirtschaftlicher Nutzung wirken beunruhigend und rätselhaft. Sie sind menschenleer. Hier zeichne ich, gehe den Spuren nach, die Arbeit, Zeit und Menschen hinterlassen haben.“ So sind ihre Arbeiten, so ist diese Ausstellung auch ein Beitrag zum Wendejubiläumsjahr. Doch es sind keine verlassenen Landschaften, auch wenn oft kein Mensch zu sehen ist, keine Mondlandschaften, sondern der Mensch hat immer schon seine Spuren gelegt, etwas hinterlassen. Er ist dagewesen und daher noch in irgendeiner Weise anwesend. Manche Werke haben inzwischen den Weg in die Öffentlichkeit gefunden, von denen manche hier ausgestellt sind. Winterfreuden gehört dazu, eine Erzählung von Wulf Kirsten. Sie beginnt mit den Worten „Zwei Jungen laufen auf der zugefrorenen Kleinen Triebisch, einem gemächlich schlendernden und schlenkernden Wiesenflüsschen von bescheidener Länge, ...“ Und sie endet bei Susanne Theumer mit dem Satz: „Zwei Jungen laufen auf der Kleinen Triebisch. [...] Der Erinnerung kommt es so vor, als habe an jenem Dezembertag im letzten Kriegswinter die Zeit den Atem angehalten für zwei Zehnjährige. Einer von beiden muss ich gewesen sein.“ „Der Erinnerung kommt es so vor“, So als täuschten wir uns und es gäbe nur ein Vorkommen. Und ist nun das Bild unsere Imagination oder doch das Erlebte? Ist die Welt gezeichnet durch die kniende, gemarterte, geschundene Kreatur wie im Wettersturz, dem Susanne Theumer eine „Fehler“-Graphik hinterherschickte, die mich am 27.1.2008 erreichte mit der Bemerkung: In das Impressum des Buches “Wettersturz“ mit Radierungen von Susanne Theumer zu Gedichten von Wulf Kirsten wurde leider das falsche Entstehungsjahr gedruckt. Das Buch entstand im Jahr 2007. Dies möchte ich hiermit berichtigen. Susanne Theumer [mit einem Bild einer Bedauernsgeste von 2008.]

III

PORTRAITS UND KOMMUNIKATION

„Kommunikation in unserer technisierten, computergesteuerten und -bestimmten Welt (ist) kaum noch möglich (ist) und jeder eigentlich mit seinen Ängsten, Sorgen und Problemen auf sich selbst gestellt ist“, schreibt Susanne Theumer. In dem Zyklus „Das Gespräch“ hat sie Typen portraitiert, „Die Fragenden“ – und sie erscheinen nicht fordernd, sondern in sich gekehrt, resigniert, so als erwarteten sie keine Antwort, kein Gegenüber, als gäbe es nur Selbstgespräch und keine Resonanz. So nur erklärt sich, dass sich im Zyklus „Das Gespräch“ 22-teilig die Verzweifelten finden, 79,5x107 cm, also in großem Format. Dagegen im selben Zyklus „Das Selbst“ einmal als dozierende Einzelperson, fast Selbstportrait, kontrastiert mit einem Bild, das ich fast als eine Umarmung sehe, als würde in der Vereinigung das Selbst erst es selbst. Auch der „Rückzug“ gehört zum Gespräch.

IV

BUCHENWALD UND GELÄNDE

Das einzelne Selbst begegnet wieder in Buchenwald – mit verbundenen Augen, und die Zeichnung „Das Gelände“ ist nur ein anderer Name für Buchenwald, ein Stelenwald, ein Gräberwald. Während wir in einer alten Tradition leben, nach der Bilder lügen, sind diese Bilder, diese Zeichnungen ein Aufschein von Wahrheit. Harmonie ist hier nirgends die Überschrift, eher die Ausnahme. Ob sich aber hinter den Bildern Träume vom Glück, vom Paradies verbergen? Oder ist die dargestellte Welt nicht doch gut, so wie sie ist, in Ordnung, in all ihrer Herbheit, Kälte und Schrecklichkeit? Keiner ist angeklagt, keiner schuldig. Hinter den Bildern der Zerrissenheit, oder zwischen den Bildern von Susanne Theumer kann eine andere, eine heiterere, eine freudige Welt, eine Welt des Lachens und des Glücks vermutet werden, gewissermaßen als Kehrseite des offenen Blicks. Es ist die aus den Bildern hervorgehende Kraft, die so nachhaltig das Leben beschwört. Denn die Erinnerung darf nicht den ganzen Raum einnehmen. Hinter Buchenwald muss es den großen Raum für das Jetzt gesehen, für den Schritt ins Noch-Nicht, in das Dennoch, damit die Fehler nicht recht behalten, – auch Buchenwald war eine Episode.

Zunächst hatte ich die Assoziation, die Bilder seien Zeichen jener, die vom anderen Ufer winken, die nicht mehr im Leben stehen. Dagegen trat das Gefühl an, dass die Gegenwart nur mit Zynismus ertragen werden könne, dass ein Überleben nur in Bitterkeit möglich sei. Danach erst wurde mir klar, dass der Anblick der Verzweiflung, das Eingestehen des Scheiterns, des zerbrochenen Gesprächs erst das Tor zu einer neuen Freiheit öffnet.

© Helwig Schmidt-Glintzer 2009