Home Rezensionen So aufregend kann grau sein

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Geschrieben von: Detlef Färber, Mitteldeutsche Zeitung   
Freitag, 11. September 2009 um 00:00 Uhr

Die Grafikerin Susanne Theumer führt uns in eine merkwürdig zeitlose Welt

HALLE/MZ. Zeit ist immer bunt, zumindest farbig. Und selbst wenn sie mal bleiern ist, hat sie wenigstens noch einen Blaustich. Grün ist der Frühling, golden der Herbst, die Liebe rot und schwarz der Tod. Denn auch dies beides hat bekanntlich mit bestimmten Zeiten zu tun. Und was keine Farbe hat, das ist statt Zeit dann wohl Ewigkeit.

 

Für Zeitloses, zeitlos Gültiges oder gar Vorzeitiges, das sich erst abzuzeichnen beginnt, bleibt also eher das Grau. Und genau das ist die Farbe der Kunst von Susanne Theumer. Dies aber nicht nur im engeren Sinne der Farblichkeit, sondern auch, was die transportierten Stimmungen anbelangt. Gerade auch in diesem Sinne ist es ein besonderes, ja ein aufregendes Grau, das jene Schau präsentiert, die derzeit in der Galerie Stelzer und Zaglmaier läuft.

 

Eine Brücke zum Thema Zeit hat übrigens auch Susanne Theumers Laudator bei der Vernissage geschlagen. Helwig Schmidt-Glintzer, Chef der berühmten Bibliothek in Wolfenbüttel, gab seinen noch ungefilterten ersten Eindruck wieder, den er bei einer dortigen Schau Theumers vor einigen Jahren gefasst hatte. "Da ist eine Frau aus der Zukunft zu uns gekommen", will er damals zu seiner Frau gesagt haben. Auf die Kunst der halleschen, aber nun in Höhnstedt beheimateten Zeichnerin, Grafikerin, Buch-Illustratorin und "Burg"-Absolventin passt dieser so skurril klingende Satz jedenfalls ziemlich genau. Denn natürlich hat auch die Zukunft keine Zeitfarbe - hat also nicht das, was man aus gutem Grund "Zeitkolorit" nennt.

 

Zu sehen sind in der Großen Steinstraße einerseits Radierungen. Zumeist stehen sie illustrativ zur freien Lyrik von Theumers Lieblingsdichter Wulf Kirsten. Drei Künstlerbücher hat sie mit ihm gemeinsam gemacht. "Zeitfraß" heißt eins davon - ein anderes "Winterfreuden" - und man ahnt schon, dass Parolen wie "Ski und Rodel gut?" hier an der Sache vorbeischlittern würden. Der andere Teil der Ausstellung steht im Zeichen des Kohlestifts. Susanne Theumer zeichnet damit besonders Bewegendes: Szenen in Verzweiflung, Sprachlosigkeit - und viele Arten von Rätselhaftigkeit. Was man sieht, wirkt mal verrückt und mal entrückt, aber doch in jedem Falle auch künstlerisch geglückt. Im Mittelpunkt der Schau stehen zwei Panorama-Flächen, die sich jeweils aus etlichen Hochformaten zusammenfügen. Dass eins "Besucherin" heißt, zeigt beispielhaft das Denken der Künstlerin und ihre Nähe zum Literarischen.

 

Die Welt stellt sie also als fragmentarisch dar, als Übergangsstadium, als Baustelle - wenn man so will. Und unwillkürlich fällt einem bei dieser Besucherin auch noch Paul Gerhardts Lied "Ich bin ein Gast auf Erden" ein, zu dem wiederum der Titel dieser unbedingt sehenswerten Ausstellung passt. Er lautet: "Zerstört mir das Wertvollste, die Erinnerung, nicht!"

 

Schau bis 22. September in der Galerie Stelzer und Zaglmaier in der Gr. Steinstraße 57 - geöffnet werktags von 13.30 bis 18.30 Uhr.