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Rede zur Ausstellungseröffnung Norbert Wientzkowski am 26. September 2009
Am 21. April 2006 – es war ein Freitagnachmittag – da kam Norbert Wientzkowski überraschend zu uns in die Galerie. Das war an sich nicht ungewöhnlich – wir arbeiteten seit längerem sehr eng zusammen, hatten bereits eine Kabinett- und eine Hauptausstellung gezeigt und seine Arbeiten, darunter seine berühmten Jahreskalender, im ständigen Angebot. Doch damit hatte sein Besuch eigentlich nichts zu tun. Der eigentliche Grund war, er brachte mir mein sogenanntes „Poesie-Album“ wieder, dass ich seit 1962, noch als Student, von mir geschätzten Künstlern übergeben habe, mit der Bitte „ein Zeichen ihrer Persönlichkeit darin festzuhalten“, wie ich es damals etwas hochtrabend schwärmerisch formuliert hatte. Das war und ist natürlich auch eine gewisse Zumutung, um so etwas zu bitten – viele Künstler ließen sich viel Zeit, was verständlich ist - auch Norbert Wientzkowski. Aber an diesem Freitagnachmittag brachte er mir schließlich mein Album mit einer sehr schönen Zeichnung aus seiner Hand. Vier Tage später, am Dienstag, dem 25. April 2006 rief Frau Margrit Boeckh an, und fragte leise und vorsichtig, sie habe gehört, dass Norbert Wientzkowski verstorben sein soll und ob wir wüssten, ob daran etwas wahr sei? Natürlich konnte das nicht wahr sein. Er war ja erst am Freitag, quicklebendig wie immer, in der Galerie. Ein Telefonat aber brachte die traurige Gewissheit. Norbert Wientzkowski war am Tag zuvor, am 24. April 2006, ganz plötzlich verstorben. Alle die ihn persönlich sehr gut kannten, wussten und mussten begreifen: „Ein begabter, sensibler Künstler, ein Mann mit viel Charisma und ein verlässlicher, aufrichtiger Freund musste viel zu früh gehen“. Seitdem sind mehr als drei Jahre vergangen.
Wir wissen, Norbert Wientzkowski lebt durch seine Kunst weiter – wir freuen uns deshalb sehr, dass wir heute einen Querschnitt aus seinen Arbeiten in einer bereits im vergangenen Jahr geplanten Hauptausstellung zeigen können. Nach der Klärung aller erbschaftsbedingten Hindernisse kann nun allen Nachfragen entsprochen werden. Die Fan-Gemeinde wird mit Freude vernehmen, dass uns der Künstler einen reichen Fundus an Bildern, Zeichnungen und Grafiken in unterschiedlichsten Techniken hinterlassen hat. Und wir freuen uns, dass wir aus diesem Anlass nach einer Unterbrechung von nur drei Jahren wieder einen Jahreskalender 2010 mit Arbeiten des Künstlers herausgeben können, aus dessen Vorwort ich Frau Karin Schubert soeben zitiert habe. Wir danken, ich glaube auch im Namen der Verehrerinnen und Verehrer seiner Kunst, Frau Karin Schubert, die diese Ausstellung und die Herausgabe des Kalenders möglich gemacht hat.
Norbert Wientzkowski wurde am 17. November 1940 in Schweidnitz geboren. Er war nach einer Lehre als Gebrauchswerber und einem Studium an der Fachhochschule für angewandte Kunst seit 1966 freischaffend in Halle tätig. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zuerst mit Gebrauchsgrafik – mit Plakaten, Signets, Broschüren für ORWO, für das Buna-Kombinat, für das Produkt „Plaste und Elaste aus Schkopau also – nach der Wende für Firmen, wie das Technologie- und Gründerzentrum (TGZ), das Biotechnologiezentrum oder die Bau- und Wohnungsgenossenschaft Halle-Merseburg. Dabei erwies sich Norbert Wientzkowski als einfallsreicher und phantasiebegabter Gebrauchsgrafiker immer mit dem werbegrafisch umgesetzten optimalen Blick auf das Wesentliche.
Weithin populär aber wurde der Künstler mit seiner besonderen Art, erotische Sujets umzusetzen. Ich zitiere hier gern die Journalistin Margrit Boeckh, die in ihrem Nachruf zum Tod des Grafikers die zutreffenden Worte gefunden hat: „zurückhaltend, mit leisem Charme, ganz so wie es auch seinem Wesen entsprach, hat sich Wientzkowski diesem Thema seit mehr als zwei Jahrzehnten gewidmet. In immer neuen Variationen feiert er den ewig reizvollen Eros mit Feder, Pinsel, Bleistift, als Radierung oder Airbrush, auch mal in Keramik oder Pastell.“ Die Kunsthistorikerin Frau Schubert schreibt im genannten Vorwort zum Kalender 2010: „Sein Interesse galt dem Menschen, dem Körper der Frau und der Darstellung der Beziehung der Geschlechter. Anregungen entnahm er der klassischen Literatur, vor allem den Elegien Ovids. Mit seiner wachsenden Freude an der schöpferischen, feinsinnigen Interpretation des weiblichen Körpers und erotischer Szenen wuchs auch die Dimension seines freien künstlerischen Wirkens, welches in den letzten Lebensjahren fast zur Gänze sein Schaffen bestimmte.“
Seit 1978 wurden die Arbeiten des Künstlers in nahezu 40 Ausstellungen gezeigt – wie schon gesagt, auch in unserer Galerie. Die Arbeiten des Künstlers wurden und waren bekannt und geschätzt. Norbert Wientzkowski hatte und hat viele Anhängerinnen und Anhänger seiner Kunst. Vor allem auch durch den bereits erwähnten, bekannt gewordenen und stets sehnsüchtig erwarteten Jahreskalender mit seinen erotischen Zeichnungen der von 1991 bis 2006 dem Jahr seines Todes 15 x erschien.
Norbert Wientzkowski hatte jedes Jahr erneut überlegt, ob er noch einmal einen Kalender machen sollte. Da er aber wusste, dass er sich spätestens Ende des jeweiligen Jahres, wenn die Anrufe mit den Bestellungen für den neuen Kalender kommen würden, ärgern würde, hätte er keinen vorbereitet, setzte er sich jedes Jahr ab Mai hin und schuf die 13 Zeichnungen für einen neuen Kalender. Hans-Georg Sehrt charakterisierte: „Bleistiftzeichnungen mit raffiniert an- bzw. ausgezogenen Mädchen und Frauen, deren Hüllen selbst immer mehr von ihren Reizen – gleich ob von vorn oder von hinten – vorführen, als verdecken.“
Gemeinsam mit Frau Schubert hat unsere Galerie anlässlich dieser Ausstellung in Erinnerung an die Kalenderserie des Künstlers, der im nächsten Jahr, am 17. November, seinen 70. Geburtstag gefeiert haben würde, und für die Freunde seiner Kunst, einen 16. Jahreskalender für 2010 herausgegeben. Dieser hier vorliegende Kalender enthält 13 Abbildungen, sorgfältig ausgewählt aus seinen interessantesten Werken. Die Herausgeber haben sich bemüht, Werke auszuwählen, die mit ihren unterschiedlichen, vom Künstler meisterlich beherrschten Techniken die Vielseitigkeit der Ausdruckskraft und die Kreativität seiner Bilder unterstreichen und damit die Einzigartigkeit seiner künstlerischen Handschrift dokumentieren. Wir hoffen, dass dieser Kalender Ihnen Freude bereiten wird. Die Originale zum Kalender hängen alle auch in der Ausstellung.
Wie alle seine erotischen Arbeiten sind auch diese Kalenderzeichnungen Ausdruck der Achtung und des Respekts des Künstlers vor dem weiblichen Geschlecht – seine Arbeiten sind nicht indiskret – und damit in ihrer natürlichen und unverklemmten erotischen Klarheit eigentlich jugendfrei.
Wientzkowski erotische, künstlerische Bekenntnisse wahren, bei aller Offenheit und der unverhüllt zur Schau getragenen sinnlichen Schönheit, immer die Würde der Dargestellten und ihre Geheimnisse. Norbert Wientzkowski hatte es mit seiner Kunst in seinen letzten Lebensjahren zu hoher Meisterschaft gebracht. Mit seinem erarbeiteten und damit seinem ständig gepflegten Talent hatte er als Zeichner die bei Künstlern nur selten erzielte räumliche Wirkung aus der puren Linie heraus erfahren und umgesetzt und dabei mit seiner natürlichen Achtung und dem Respekt vor dem weiblichen Geschlecht künstlerische Ergebnisse dieses schwierigen Genres für Jung und Alt erreicht, das in der Kunstwelt in dieser gekonnten Leichtigkeit nur selten erreicht worden ist.
Unvorstellbar was durch seinen Tod an künstlerischen Arbeiten nicht mehr entstanden ist. Frau Schubert fand für das Schicksal Norbert Wientzkowski ein wunderbares, passendes Zitat Michelangelos: „Ich bin nicht tot – ich tausche nur die Räume, ich bin in Euch und geh durch Eure Träume.“ Das nehmen wir gern so an. Bleibt, auch im Namen von Frau Schubert, allen zu danken, die bei der Ausstellung und beim Kalender mitgewirkt haben. Ein Dank auch an Betram Thieme, Chef des Dorint-Hotels und Freund des Künstlers Norbert Wientzkowski, der unsere heutige Eröffnung mit Sekt verflüssigt hat und auch die Herausgabe des Kalenders durch Sponsoring unterstützt hat.
Ich wünsche Ihnen mit der Ausstellung der Arbeiten Norbert Wientzkowskis im Namen unserer Familien Zaglmaier und Stelzer viel Freude.
Dr. Helmut Stelzer
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