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Eröffnungsrede: (PA) Winfried Alexander

Eröffnungsrede: (PA) Winfried Alexander

 

Dr. Ingo Uhlig

Eröffnungsrede zur Ausstellung “Winfried Alexander - Die Weite der Graphik” in der Galerie Zaglmaier

 

Die Weite der Graphik – Malerei, Graphik und Objektkunst 

 

 

Als Winfried Alexander mit mir das erste Mal über diese Ausstellung sprach, war noch der schöne Spätsommer. Wir trafen uns am frühen Abend erst bei ihm zu Hause hier in Halle und fuhren dann später noch mit dem Auto in sein Atelier in Nietleben, etwas außerhalb Halles.

Mir ging es bei diesem Besuch darum, einen Eindruck zu bekommen, mit welcher Art Kunst, mit welcher Art von Objekten diese Ausstellung bestückt werden sollte und was mich insgesamt erwarten würde. Der Abend verlief so, dass ich recht schnell und gerne beschloss, zu diesem Ausstellungsprojekt ein paar einleitende Worte und Ideen beizutragen.

Um einen Einstieg zu finden, möchte Ihnen zunächst von einem Detail an diesem Abend berichten, das auf den ersten Blick noch nicht viel mit Kunst zu tun hat und das so augenblicklich und kurz war, dass man es noch nicht einmal ein Erlebnis nennen könnte; dennoch ein Detail, eine kurze augenblickshafte Empfindung, die für mich rückblickend eine Art Schlüssel, eine Art, im Fachjargon gesprochen, phänomenologischer Zugang für das hier zu sehende Werk von Winfried Alexander sein könnte.

Nachdem ich in das Haus des Künstlers trat, sahen wir zunächst im ersten Stock einige Keramiken, Fayencen und Keramikkataloge an. Ich erfuhr, dass diese Arbeiten von denen viele hier in der Ausstellung versammelt sind in einer mehrjährigen beruflichen Kooperation Winfried Alexanders mit der Majolika-Manufaktur in Karlsruhe entstanden sind und dass sie Teil, wenn man so will Raumgewinn und Kolorierung eines künstlerischen Werks sind, das ja zunächst – werkbiographisch gesehen – von der eher asketischen schwarz-weißen und flächigen Disziplin der Druckgraphik ausgeht. – Und das ist ja schon ein augenfälliger Kontrast, der auch diese Ausstellung prägt: das dezente Schwarz-weiß der Grafiken und die starken Farben der Keramik.

Die zweite Station meiner Sichtung sollten dann diese Druckgraphiken sein, die in einem kleinen Dachatelier ebenfalls in Winfried Alexanders Haus hier in Halle ausgebreitet oder in Kartenschränken gestapelt lagen. Wir machten uns also auf den Weg ins Dachgeschoss und dieser Weg führte, wenn ich mich recht erinnere über zwei Etagen und eine schmale, steile und sicher denkmalschutzgerecht originale Treppe. Winfried Alexander wies mich noch auf den steilen Weg  hin, der da, wie ich mittlerweile weiß, seit 1870 unters Dach führt, und bat, ich möge vorsichtig sein. Und in der Tat: Diese schmalen, zum Raum hin offenen Treppen lösen, wenn man sie zum ersten Mal besteigt, einen leichten Schwindel aus. Das Gefühl ist nicht dramatisch, aber dennoch gerät der Körper unwillkürlich in Anspannung und man konzentriert sich kurz und reflexartig auf die räumliche Situation in der man sich etwas unsicher bewegt. Jeder kennt dieses ein wenig abgründige Gefühl, dass man auf alten Treppenstufen hat, deren Vorderkanten schon ein wenig rund geschliffen wurden. Wenn man einmal darauf achtet oder sich dieses Gefühl ins Gedächtnis ruft, zeigt sich, dass der Fuß ein sehr sensibles Organ für diese Grundlosigkeit ist, und dass wir insgesamt eine tief eingeprägte Empfindung für diesen gleitenden oder auch fallenden Übergang zwischen Ebene und Tiefe haben. Beim Hinabsteigen, ich hatte die Treppen nach dem Besuch im Dachatelier längst wieder vergessen, kehrten diese kurze Unbeholfenheit im Raum und dieses leichte Schwindelgefühl zurück, diesmal durch die Bewegung des Vorwärtsgehens und den Blick in die Tiefe noch etwas verstärkt.

Der Abend ging dann, nachdem wir die Druckgraphiken im Dachgeschoss besehen hatten, im Atelier in Nietleben zu Ende. Im Atelier sah ich noch die Plastiken und einige der farbigen Wandgemälde, die auch heute in diesen Galerieräumen hängen.

In der Rückschau auf diesen Abend muss ich sagen, dass ich den Zugang zur Kunst von Winfried Alexander in seinem Dachatelier in Halle fand. Also an diesem nicht ganz einfach und nur über die steilen, schmalen Treppen zu erreichenden Ort, an dem die Druckgraphiken lagern. Und dieser Zugang, dieses Kunst-Entdecken hatte eine gewisse Nähe zu dem Raumerlebnis, das ich auf der Treppe hatte.

Jeder Schwindel, jeder Vertigo ist ein Moment intensivster und unmittelbarer Raumwahrnehmung. Dieser Moment wird begleitet von einer Irritation oder Varianz unserer gewohnten optischen Perspektiven und vom Wegfall von Haltepunkten. Im Schwindel und im Fallen wird man, um es so zu sagen, vom Raum überrascht. Und dieses Überraschungsmoment während des Auf- und Abstiegs zum Dachatelier war eine unerhört passende Rahmung und Sensibilisierung für das Betrachten der Radierungen. – Der auf den Treppen kurzzeitig aus der Ordnung geratene Realraum hatte, wie ich fand, einen engen Bezug zu den ästhetisch-visuellen Erfahrungsmomenten, die man beim genaueren Anblick der Radierungen haben kann.

Wenn man sich diese Graphiken mit aller Geduld ansieht (und man muss dazu sagen, dass die Glasplatte, die immer zum Schutz angebracht ist, diesen Effekt leider ein wenig schmälert), wenn man die Feinheit der Striche und Schraffuren nachvollzieht und sich vor allem auf die vielfältigen Wechsel der Perspektiven und Proportionen einlässt, die Winfried Alexander eingebaut hat, entsteht auf der Bildfläche ein starker Eindruck von Räumlichkeit und Tiefe. Solchen Raumillusionen dienen auch die meisten abstrakten Elemente, die Schleifen, Bänder und geometrischen Figuren, die Winfried Alexander einsetzt. Diese Räume unterliegen ebenso wie die dargestellten Motive nicht den Vorgaben einer klaren Geometrie und Proportion, kleine und große Maßstäbe grenzen aneinander und überlappen sich, man weiß mitunter nicht, ob man es mit dem Trümmerstück einer Mauer oder einem erhabenen Felsmassiv zu tun hat; man weiß nicht, ob die Figuren Riesen oder Zwerge sind. So kann ein menschlicher Kopf in Wolken oder tektonische Formationen, ein Körperteil in landschaftliche Horizonte übergehen. So reichhaltig, ornamental und wimmelnd diese Motive sind, umso weniger wird klar, was das eigentlich für ein Raum ist, in dem sie sich verteilen. Man sollte sich vom ersten Eindruck nicht täuschen lassen: was sich zum Beispiel als Stillleben präsentiert, verliert beim genauen Betrachten die Figürlichkeit und die Ruhe. Der Reiz dieser Graphiken besteht gerade darin, dass sie mit ihrer Komplexität zu überraschen vermögen und durch die graphischen Mittel und Feinheiten, die vielfältigen Proportionen und Perspektiven ein Spiel mir unserer gewohnten Raumwahrnehmung beginnen können. Sie laden den Betrachter ein, den Feinheiten zu folgen, und wenn man dies tut, also weiter ins Detail rückt und den Konturen nachgeht, erscheint nicht selten ein neuer Horizont, ein neuer Raum im Bild. Zwischen diesen Bildfeldern öffnet sich so der Eindruck von Tiefe, das Auge findet keinen rechten Grund mehr und es gibt in dem einen oder anderen Moment der Betrachtung ein visuelles Erlebnis, das man, wenn man diesen Begriff einmal bei den Vögeln ausleihen darf, vielleicht das „Flügge-werden“ des Blicks nennen könnte.

Da ich weiß, dass Winfried Alexander ein großer Frankreich-Liebhaber ist, wird es ihn sicher freuen, dass die Raumeindrücke seines druckgraphischen Werk mich mitunter an Landschaftsbeschreibungen bei Marcel Proust erinnerten, also an Prousts Roman A la recherche du temps perdu (zu deutsch: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Es handelt sich um die ausufernden Landschaftsbetrachtungen die Marcel, der Erzähler des Romans während seiner Aufenthalte an der französischen Kanalküste macht, zu einer Zeit, etwa um die Wende zum 20 Jh., in der noch sehr ausgedehnte Sommerfrischen in Mode waren. Der Erzähler ist dort immer wieder fasziniert von Stränden, Meeresufern und Küstenstreifen. Ich möchte Ihnen ein Zitat aus dem Roman wiedergeben, das die bemerkenswerten Raumerfahrungen, die dort hoch oben über dem Meer zu machen sind, zum Inhalt hat:

Ich glaubte, man könne nirgends einen weiteren Ausblick vor sich haben. Aber an jeder Wegbiegung trat noch ein neuer Teil hinzu, als wir am Schlagbaum von Doville (das ist einer der Orte, an denen die Erzählung spielt) angekommen waren, zog sich die Felsspitze, die uns bis dahin die Hälfte der Bucht verborgen hatte, stärker ein, und plötzlich erblickte ich zu meiner Linken einen Golf, der, ebenso tief wie der bislang erblickte, dessen Proportionen verwandelte und seine Schönheit um ebensoviel vermehrte. […] Vom Schlagbaum aus, wo der Wagen einen Augenblick so hoch über dem Meer anhielt, daß der Anblick des bläulichen Abgrundes einen fast schwindeln machte, ließ ich die Scheibe herab[.]

Soweit Proust. Es scheint, und dafür spricht die Literatur aber ebenso die Malerei immer wieder, dass besonders diese Grenze von Land und Meer eine ungemeine Inspiration für das Sehen darstellt. Diese Landschaft, die Marcel aus dem offenen Wagenfenster besieht, hat –  wenn man bei der Passage einmal auf die erwähnten Empfindungsmomente achtet, also die Überraschung, den Schwindels, die Erhabenheit etc. – eine gewisse Ähnlichkeit mit den opulenten Raumdarstellungen, die man in den Graphiken hier finden kann. Deshalb verweilt das Auge auch gerne bei ihnen, es ist ein großes Vergnügen, wenn es sich von seinen Haltpunkten lösen und ohne Gefahr fallen lassen kann. So schaffen die Bilder eine räumliche Erfahrung, die dem Schwindel nicht unähnlich ist, nur dass wir ihn, da es sich hier um den schönen Schein der Kunst handelt, genießen können.

So gibt es also, wie ich finde, bereits beim Graphiker Winfried Alexander, also in den Arbeiten, die in der Fläche verbleiben, die starke Tendenz zur Darstellung von Weiten und eingefalteten Räumen. Und es gibt bereits in den Grafiken, also dieser asketischen, eher schwarzweißen und von vorn herein eher zur Abstraktion neigenden Disziplin, einen doch bemerkenswerten gegenläufigen Hang zur Sinnlichkeit und Opulenz. Und ich denke, dass diese beiden Eigenschaften der Graphik: Erstens intensive räumliche Illusion und zweitens die Fülle der Motive, Formen und Ornamente die Keimzelle gebildet haben, aus der heraus die Räume gewachsen oder ausgetrieben sind, in denen wir uns heute befinden. Wie Sie merken werden, gibt es ja schon auf der Ebene der Motive (etwa der Stier oder der Junge) eine deutliche Kontinuität von der Graphik, über die farbliche Malerei bis zur Keramik. Aber der Zusammenhang besteht eben nicht nur über die Motive, vielmehr scheinen die keramischen und plastischen Arbeiten jene Räume teil- oder stückweise zu entfalten, die in den Ebenen der Graphik angelegt waren. Sie wölben – wenn man so will – die räumlichen Andeutungen zu tatsächlichen dreidimensionalen und ausladenden Objekten. Dies gilt auch für einige der Plastiken, die wie archäologische Fundstücke oder Überbleibsel wirken, die man den traumartigen Szenen der Graphiken entnommen hat. Einige von diesen Plastiken, das ist interessant zu sehen, zeigen dabei eine instabile und ein wenig wacklige Höhe. Es gibt also auch in der Plastik dieses Spiel mit der Räumlichkeit und dem Vertigo.

So lässt sich vielleicht festhalten, dass dieser in Keramik und Plastik ausgeführte Schritt in die dritte Dimension und letztlich in den begehbaren Realraum, in dem wir uns befinden, bereits in den Gesten des druckgraphischen Werks angelegt ist.

Und es gibt noch einen zweiten Punkt, an dem der Graphiker seine graphische Askese endgültig hinter sich lässt, sie werden es wahrscheinlich ahnen: Ich meine die Farbe. In der Malerei haben sich diese beiden Kunstmittel gerne eine Art Kampf geliefert: Auf der einen Seite die Linien, Gerüste, Konturen und klaren Umrisse, die sich eher an den Geist richten und zu einer gedanklichen Auseinandersetzung mit den Werken auffordern. Auf der anderen Seite stehen die Farben, die von vorn herein die Sinne ansprechen und Empfindungen auslösen. So gesehen ist auch der Gebrauch der Farbe ein naheliegender Schluss, der aus der grundsätzlichen visuellen und sinnlichen Fülle gezogen wurde, die sich über weite Strecken des Werks zeigt.

Ich glaube also, um damit zu schließen, dass die Versammlung der Objekte, die wir hier sehen sehr schlüssig ist. Eine Schlüssigkeit, die sich nicht allein über Motive ergibt, sondern aus der Umsetzung ästhetischer Prinzipen erklärt werden kann: Es geht erstens um die Erzeugung intensiver räumlicher Illusionen und zweitens um die grundsätzliche Idee, dass die Kunst nichts asketisches ist, sondern die Sinne ansprechen oder – besser gesagt – affizieren soll.

Dies ist natürlich nur eine mögliche Lesart, aber meine Idee wäre es, diese Ausstellung ausgehend von der eigentümlichen Räumlichkeit und dem Detailreichtum der Kaltnadelradierungen zu erschließen und dem Weg weiter zu folgen über die Plastiken, Keramiken und die farbige Malerei.