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Eröffnungsrede: (PA) Georg Mann, Tobias Pfeifer

Eröffnungsrede: (PA) Georg Mann, Tobias Pfeifer

 

Dr. Ingo Uhlig

Rede zur Ausstellungseröffnung „Bildhauerarbeiten von Georg Mann und Tobias Pfeifer“ in der Galerie Zaglmaier

Moose und Flechten. Kunst außerhalb der Konservierung

 

 

An einem der gewittrigen Nachmittage der vergangenen Woche stand ich mit den zwei Bildhauern und dem Galeristen hier im Garten, um einen ersten Blick auf die Arbeiten zu werfen. Gemeinsam kamen wir zu der Überzeugung, dass man die Eröffnung einer Ausstellung mit dem Titel „Moose und Flechten“ in jedem Fall und bei jeder Witterung im Freien bestreiten sollte. Soweit, da waren wir uns einig, müsste man schon gehen, denn nur hier, also draußen, in den Zufällen des Wetters und der Witterung lässt sich der Existenzweise dieser merkwürdigen Gewächse nachspüren. Wir haben also alle ziemliches Glück mit diesem schönen Samstagnachmittagswetter und so begrüße ich Sie auch meinerseits nochmals herzlich hier unter freiem Himmel zur Ausstellung von Georg Mann und Tobias Pfeifer.
 
„Moose und Flechten“ – wenn zwei bildende Künstler ihrer Ausstellung diesen Titel geben, stellen sie etwas ins Zentrum der Aufmerksamkeit, das man gemeinhin eher von den Kunstwerken fernzuhalten sucht. Es geht um Anlagerungen und Bewuchs, der sich in den Poren und feinen Rissen des Materials festsetzt, es nach und nach durchlässiger macht und schließlich ganz verwildern lässt. Es geht also um jene natürlichen Einflüsse, die man einem konservatorisch zu nachlässigen, zu wenig pfleglichen Umgang mit dem Objekt zuschreiben würde. Aus dieser Sicht sind Moose und Flechten geradezu die Gegenkräfte der Kunst. Man kann es noch drastischer formulieren: Sie gehören jenen Kräfte an, die, sobald sie überhand nehmen, das Werk unkenntlich machen, es entstellen und, wenn sie lange genug wirken können, es schließlich zerstören.
 
Jenen wildwüchsigen Kräften, die man sonst vom Werk fernzuhalten versucht, wird hier von vornherein mit Interesse und einer gewissen Sympathie begegnet. Und zunächst müssen deshalb die Objekte unbedingt nach draußen, man muss das Dach der Galerie oder die klimatisierte Halle des Museums tauschen mit dem Garten oder dem Park; man muss die konstanten Umgebungsbedingungen tauschen mit dem Wechsel aus Sonnenlicht, Regen und Frost.
 
Die Künstler koppeln ihr Schaffen so vorsätzlich mit den Vorgängen und Zufällen der Natur. Und so ist das Ausstellungsprojekt, das hier nun ein halbes Jahr stehen wird, auch als eine Renaturierung von Kunstwerken angelegt: Je ernster man die Sache mit den Moosen und den Flechten nimmt, je weiter man also gegenüber der künstlerischen Absicht den Anteil natürlicher Wirkungen aufstockt, umso weniger würde man überhaupt noch von einem Werk sprechen können. Der Bildhauer brächte sich unter Moosen und Flechten zum Verschwinden und würde damit etwas zum künstlerischen Programm erheben, das seinem Fach, der Bildhauerei, eigentlich gegensätzlich ist. Mittlerweile, so ließ sich von den beiden Künstlern in Erfahrung bringen, wird mit Beschleunigern experimentiert: Mit Tinkturen und Einreibungen aus Bier und Buttermilch treibt man voran, was die Zeit ohnehin leistet, nur eben – so man darauf wartet – quälend langsam.
 
Und damit nimmt sich diese Ausstellung auch ganz bewusst einer Sache an, die man sonst in Ausstellungen gerade zur bildenden Kunst eher nicht zu sehen bekommt, nämlich ganz einfach: der Zeit. Man begegnet Kunstwerken im Normalfall mit einem Drang zur Konservierung, jedes Kind merkt das schon bei seinen Museumsbesuchen, wenn es lernt, auf Abstand zu bleiben. Jeder Versuch einer  Konservierung besteht schlicht darin, den konservierten Gegenstand lange zu bewahren, also die Zeit von ihm fernzuhalten. Und der  Restaurierung schließlich geht es im Allgemeinen darum, die Zeit wieder vom Gegenstand zu entfernen und unsichtbar zu machen. Mit Moosen und Flechten ist man da aber wieder bei den entgegengesetzten  Kräften, bei Kräften, die Zeit offensichtlich machen.
 
Das gilt, und das ist ganz interessant, insbesondere für die Flechten. Eine Flechte kann enorm alt werden. Wenn man etwas recherchiert, findet man die verrücktesten Angaben: Mehrere Jahrhunderte können als gesichert gelten, viereinhalb Jahrtausende schreibt man einer grönländischen Landkartenflechte zu. In jedem Fall wächst eine Flechte äußerst langsam und recht konstant, indem sie ihren Durchmesser vergrößert, das ist in etwa dasselbe Prinzip wie bei Baumringen. So kann man, wenn man die jährliche Wachstumsrate kennt, Rückschlüsse auf das Mindestalter der von ihr bewachsenen Dinge machen. Ein berühmtes Beispiel sind die mächtigen Steinfiguren auf der Osterinsel, die man auch anhand von Flechten zu datieren versucht. Die Flechte ist eine Art Uhr, eine biologische Uhr, die Zeit sichtbar machen kann.
 
Das Merkwürdige ist nun, dass, wenn man mit den beiden Künstlern über dieses Sichtbarmachen der Zeit und der Kräfte der Zeit spricht, es ihnen nicht darum geht, den Eindruck erhabenen Alters oder das Pathos von Ruinen zu erzeugen (man kennt dies von den künstlichen Ruinen aus den nach englischer Art angelegten Landschaftsparks). Auch hier fangen sie wieder an, die Dinge umzudeuten: Das offensichtliche Veralten des Kunstobjekts erscheint eher als ein konstantes Zeichen, dass gerade etwas passiert und es immer noch etwas Vitales gibt. Die Tatsache, dass Flechten so lange sie leben eigentlich nicht aufhören zu wachsen, wird in dieser Perspektive zum Zeichen wiederkehrender Belebung und Erneuerung, an der letztlich auch das Kunstobjekt teilhat.
 
Sie merken, dass es auch hier darum geht, die Grenze zwischen der Kunst und dem Natürlichen zu lockern. Dahinter steckt durchaus auch der philosophische Gedanke, dass jedes Kunstobjekt nur ein Zwischenspiel im Laufe der Zeitalter und in den Umwandlungen des Naturprozesses ist, dass also ein Stück Stein zum Material eines Kunstwerks wird und über kurz oder lang der Verwilderung und dem Vergessen wieder zufällt. Aber es geht eben auch und ganz bewusst darum, die Kunst von der Idee der Konservierung zu trennen, um mithilfe der Flora dem Werk eine Zukunft offenzuhalten und es immer wieder neu hervorzubringen. Also Sie merken, es steckt in dieser Ausstellung mit dem Titel „Moose und Flechten“ ein erheblicher konzeptueller Anspruch, der es auch nahelegt, darüber nachzudenken, inwieweit die uns vertraute Vorstellung dessen, was ein Kunstwerk ist, hier eine originelle Weiterentwicklung erfährt.
 
Doch nach diesen eher akademischen Überlegungen noch etwas zu dem kuriosen  Figurenensemble und jenem Gartenstück, das es für das nächste halbe Jahr bevölkern wird. Von hier unten, von meiner Perspektive aus betrachtet, erscheint dieses Rasenstück als ein leicht abschüssiges Plateau mit einer leichten Wölbung und mit einer glücklichen Neigung in Richtung der Sonne. Nach der Frische und nach dem Wechsel von Sonne und Regen in den letzten Tagen bekam diese geschwungene und homogene Oberfläche selbst etwas von einem Mooskissen: ein weiches, aufgewölbtes Grün.
 
Dieser Kompagnon der Flechte, das Moos, hat ebenfalls seine botanischen Eigenheiten, sie liegen aber nicht, wie bei den Flechten, in der immensen zeitlichen Erstreckung, sondern in einer eigentümlichen räumlichen Anlage. Es ist ganz interessant, dass Moose Wesen ohne Festigungs- und Stützgewebe sind. Ein solches Stützgewebe ist etwa der Stamm eines Baums, ein Blattstängel oder ein Halm. Bei den Tieren und Menschen sind es das Skelett und der Knochenapparat. Aufgrund des Fehlens dieser Einrichtung schmiegen sich Moospflanzen immer an die besiedelten Oberflächen an wie eine Haut, ein Überzug. Sie haben also von vornherein eine Tendenz zur Ebene, zum Planen und blicken selbst noch zu den aus ihrer Perspektive erhabenen Grashalmen auf. Wenn man sich also einmal probehalber in diese Perspektive der Moose versetzt, ergeben sich sehr andersartige Eindrücke vom Raum. Wenn man dabei überhaupt von einem Raum reden kann, denn eigentlich haben es Moose, relativ gesehen, nie wirklich in diese dritte Dimension geschafft, sie sind dafür zu dünn und bleiben deshalb immer an der untersten Grenze einer räumlichen Struktur. In ihrer Perspektive wird der Blick auf die Ebene gezogen und zum Gleiten gebracht – wo es auch hinkommt, das Moos nimmt nur Ebenen ein. Aus dieser Zweidimensionalität lässt sich keine räumliche und körperliche Ganzheit erschließen. Man könnte hier schon wieder ein provokantes Spiel mit den Konventionen der Bildhauerei entdecken: also jener Kunst, die sich von Hause aus den dichten und schweren Körpern, ihren Volumina und Proportionen widmet.
 
Nun gewinnt dieses vielgestaltige Ensemble an Figuren, das hier im Garten versammelt ist, gerade durch die Anordnung auf der homogenen Rasen- oder Mooskissenfläche eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit. Die meisten Figuren überblicken ihrerseits die Ebene und so entsteht, wenn man wiederum die Figuren betrachtet, das Bild eines zusammengehörigen, sich doch recht vertrauten Ensembles. Eine mit kuriosen Wesen besetzte Theaterbühne, ein Rudel, das anscheinend dominiert wird durch die Achsen Affe-Mooshutmann-Löwe. Es scheint so ein wenig, als ob die Insassen eines aus der Zeit gefallenen Zoos ein vertrautes Stelldichein haben.
 
Wenn man diese Szene einmal lose und assoziativ zuordnen möchte, könnte man vielleicht an die Romantik denken, an die märchenhafte Idee einer sprachbegabten Natur, in der alles mit allem spricht: die moosbewachsenen Steine und Felsen mit den Tieren, den Pflanzen und den Menschen. Aber diesem Ensemble hier fehlt dafür – man kann hinzufügen: zum Glück – der erhabene Ernst und die pathetische Verbindlichkeit.
 
Vielleicht erinnert diese Szene eher – und gerade jetzt zu dieser Stunde – an die berühmte, unzeitige Teegesellschaft bei Lewis Carroll. Alice im Wunderland würde sicher einige schöne Kommentare zur Mooskisseninstallation von Georg Mann und Tobias Pfeifer liefern, angefangen damit, dass der Roman von Alices Abenteuern mit der Beschreibung einer schwül-sonnigen Nachmittagsstunde im Freien beginnt, gefolgt von der Reihe der Figuren, denen Alice begegnet: Einem Hutmacher, der versucht, all die eigenwilligen Kreaturen um ihn herum in den Griff zu bekommen, einer verrutschten Teegesellschaft, allerlei Katzen und allerlei Köpfen, die dank einer zum Glück völlig machtlosen Königin um ihre Leiber fürchten müssen. Schließlich liefert noch die Entwicklung der Titelheldin einen Kommentar, der ein weiteres Mal die Konventionen der Bildhauerkunst wahrscheinlich nicht unberührt lassen würde, denn im Laufe des Romans lernt Alice, dass die Dinge nicht in der kraftraubenden Auseinandersetzung und den Kämpfen der Körper zur Entscheidung kommen, sondern dass sie an der Oberfläche, das heißt in der Art und Weise, wie sie uns erscheinen und für uns Sinn ergeben, entschieden werden.
 
Mit diesen losen Hinweisen auf die merkwürdigen Räume und Zeiten der Moose und Flechten, mit den Bildern aus der Literatur, mit der hier versammelten Kunst und dem Tee wünsche ich Ihnen nun einen schönen Nachmittag. Und: Folgen Sie dem weißen Hasen, so sie einen entdecken…