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Eröffnungsrede: (KA) versch. Künstler

Rede zur Ausstellungseröffnung am 27. April 2013 – „Kunst der 50er und 60er Jahre“

 

Es war die Zeit von Petticoat und Rock ‚n’ Roll, aber auch des „kalten Krieges“, der Wasserstoffbombe und der Kuba-Krise. Walter Ulbricht leugnete den Mauerbau und unterband im Osten Deutschlands das „Yeah, Yeah, Yeah“ der Beatles.

 

„Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!“ – war ein Slogan der am 24. April 1959 im Rahmen der Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages im VEB Chemiekombinat Bitterfeld ausgerufen wurde. Die Gedanken des „Bitterfelder Weges“ fußten nicht. Namhafte Künstler sprachen sich gegen die Aufhebung der Trennung von Berufs- und Laienkunst aus, viele gingen in den Westen, wo 1955 bereits in Kassel die erste Documenta stattfand. Damals zogen 148 Künstler mit 670 Exponaten 130.000 Besucher an.

Die dritte Kunstausstellung der DDR von 1953 wurde durch 425 Künstler bestritten und von 200.000 Menschen besucht. In beiden Teilen Deutschlands suchte man nach den Entbehrungen des Krieges die Wege zur bildenden Kunst und fand diese gegen Eintrittspreis und trotz oder durch staatliche Verordnung.

Herausragende Leistungen vollbrachten die Galerien Kühl in Dresden oder Henning in Halle zu jener Zeit. Sie boten eine Heimstadt für regionale Künstler und Kunstfreunde, zeigten Arbeiten namhafter Kunstschaffender aus ganz Europa. Bekanntermaßen endete dieses in Halle mit dem Mauerbau von 1961 auf tragische Weise.

 

Maler, Grafiker und Bildhauer der DDR wurden vorrangig in Weißensee, Dresden, Leipzig oder Halle ausgebildet. So entstanden Handschriften von Künstlergenerationen, die bis heute charakteristisch sind und auch schon mal ein Gütesiegel zur Vermarktung darstellen können. Ob „Leipziger Schule“ oder „Absolvent der Burg“ – egal, die 50er und 60er Jahre brachten hier, wie anderswo, hervorragende Kunstwerke hervor.

 

Sparsamkeit macht kreativ! Kein Küchenbrett war sicher vor Holzschnneidern, Tabletts wurden bemalt. Nicht selten findet man rückseitig auf Gemälden ein ebenso schönes Werk. Der Dresdner Maler und Grafiker Hans Jüchser (1894 bis 1977) verwendete alte Rahmen, die er mit Farbe überstrich und anschließend in der Badewanne partiell abwusch. Helmut Gebhardt (1926 bis 1989) druckte ebenfalls in Dresden mit altem Linoleum und Pappe. Klaus von Woyski (Jhrg. 1931) bestritt seinen Lebensunterhalt neben der Malerei zunächst mit Restaurierungen und wurde zu einem der wichtigsten deutschen Konservatoren für das antike griechische Erbe.

Sicher hätte jeder der eben genannten herausragenden Künstler im Rahmen dieser Eröffnung eine ausführliche Würdigung verdient. Ich erlaube mir jedoch für weitere Informationen auf die Eröffnungsreden früherer Personalausstellungen dieser Künstler in unserer Galerie auf unseren Internetauftritt hinzuweisen.

 

Zahlreiche Anekdoten ranken sich um Halles Maler-Legende Albert Ebert, der schon mal sein Atelier mit einem Toaster beheizt haben soll. Liebenswerte Geschichtchen über große Künstler.

 

Mit Blick auf Albert Ebert hätte uns der leider im vergangenen Jahr verstorbene Leipziger Fotografie-Professor Wolfgang G. Schröter mehr erzählen können. Er fotografierte um 1970 in dessen Atelier und war ein großer Freund der Ebertschen Kunst.

Wolfgang G. Schröter wurde 1928 in Wolfen geboren wo er nach dem Kriegsdienst das Fotografenhandwerk von der Pike auf erlernte. 1949 erfolgte seine Aufnahme des Studiums am Institut für Farbenfotografie, der späteren Abteilung für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Nach dem Diplom von 1953 war Schroeter freischaffend als Bildreporter und Farbfotograf vor allem für die illustrierte „Freie Welt“ tätig. Die Arbeit bescherte ihm eine intensive Reisetätigkeit, u. a. nach China und Indien. Wolfgang G. Schröter war Gründungsmitglied der Gruppe „action fotografie“ zusammen mit F. O. Bernstein, Barbara Haller, Kurt Hartmann, Evelyn Richter, Günter Rössler, Gerhard Heyde, Karl-Heinz Müller, Volkmar Jäger, Rosel Jäger-Bock, Renate und Roger Rössing. Der Fotokünstler befaßte sich in Zusammenarbeit mit Carl Zeiss Jena bereits Ende der 60er Jahre mit elektronischer Fotografie und brachte 1966 das vielbeachtete Buch "Das große Color-Praktikum" heraus. Er hielt zahlreiche Vorträge zur "Bürgerlichen" Fotografie sowie Fotografiegeschichte und wurde 1992 zum Professor für Medienkunst an der HGB Leipzig berufen.

 

Albert Ebert verdankt Schröter sein einziges Aktmodell. Die ausgestellten Briefe Albert Eberts an Wolfgang G. Schröter belegen die redaktionelle Zusammenarbeit für das Buch von Gerhard Wolf über Albert Ebert „Wie ein Leben gemalt wird“, welches 1974 beim Unions-Verlag Berlin erschien und im Handel mit viel Glück für immerhin 32,- DDR-Mark zu erhalten war. So zeigen auch die ausgestellten Stimmungsfotos von Wolfgang G. Schröter den bekannten Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf sowie dessen Gattin, die Schriftstellerin Christa Wolf im Ebertschen Freundeskreis. Aus der Feder Gerhard Wolfs und vorgenanntem Buch nun doch eine kleine Anekdote:

 

„Für eine der hiesigen Biennalen hatte man ihm eine Vitrine zugesagt, damit sich seine kleinen Tafeln nicht an den weiten Wänden der messeartigen Halle verlören. Er kam kurz vor der Eröffnung, bescheiden mit seiner Aktentasche, die, in Seidenpapier gewickelt, enthielt, was er bieten konnte. Doch man hatte die Vitrine vergessen in der Eile und über den Monumentalgemälden, manche nur nach Metern zu messen (man brauche da ein Fahrrad, um sie zu besichtigen, meinte er), und er ging, ohne erheblichen Verdruß, wieder nach Hause mit der Tasche, die vielleicht die Arbeit eines Jahres enthielt.“

 

Die 50er und 60er Jahre waren in vieler Hinsicht bewegend. Manche Wege wurden eröffnet, manche blieben für immer verschlossen. Mit Bescheidenheit und Kraft haben Bildende Künstler Werke geschaffen, die wir schätzen. Das „Yeah, Yeah, Yeah“ von damals sind wie das „Da, da, da“ von zwischendurch Teile einer enormen Bandbreite – die immer dazu gehören wird. Wir freuen uns auf das was die neue Künstlergeneration an Vielfalt bietet und sind gespannt, welche Wege sie gehen wird. Ich habe kaum Zweifel, dass die Kunst der 50er und 60er Jahre Spuren hinterlassen wird.

 

 

T. Zaglmaier