Drucken

Eröffnungsrede: (PA) Lothar Zitzmann

Eröffnungsrede: PA Lothar Zitzmann von Prof. Rolf Müller, 13. Oktober 2018

 

 

In diesem Jahr zeigte die BURG zum Tag der offenen Tür einen kleinen Raum mit Zeichnungen – dunkle Blätter voller Kraft. Eines davon hatte die Vergänglichkeit zum Thema: Asche war das Pigment. Asche von einer verbrannten Porträtzeichnung.

Reine Gedanklichkeit war hier verbunden mit einem Augenerlebnis. So wurde die Idee zur konkreten bildhaften Erscheinung.

Ich selbst war davon auf ganz besondere Weise berührt, war es doch der Raum, in dem Prof. Lothar Zitzmann im Januar 1977, mit knapp 53 Jahren, überraschend verstarb.

Damals versetzten die Unruhen um Biermanns Ausbürgerung die Bürger der DDR in Aufruhr. Sie brachten Lothar Zitzmann in schwere Gewissenskonflikte, denen sein von Geburt an schwaches Herz nicht gewachsen war.

Wir erinnern uns an eine politisch wie künstlerisch aufgeladene Zeit: In Ostberlin wurde gerade der Palast der Republik eingeweiht, wo im Foyer die offizielle Kunst der DDR opulent vertreten war. „Mensch – Maß aller Dinge“ nannte sich Tübkes Beitrag mit klassisch-mythologischem Bezug. – Während Heisig dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt huldigte und Sitte „Kampf, Sieg und Leid der roten Fahne“ beschwor, feierte Zitzmann in monumentalem Format das „Weltjugendlied“ mit einer figürlichen Komposition, die in ihrer flächenräumlichen Gliederung und rhythmischen Gesamtstruktur dem zentralen Palast im Inneren ein würdiges Gesicht gab.

Zur gleichen Zeit erregte der fast gleichaltrige Joseph Beuys, im anderen Teil Deutschlands, mit seiner Honigpumpe Aufmerksamkeit.

Auch er war an einer staatlichen Kunsthochschule ein von seinen Studenten verehrter Lehrer mit charismatischer Ausstrahlung.

Beuys und Zitzmann waren in ihrem Werk alles andere als reine Formalisten, denn sie fühlten sich einem gesellschaftlichen Auftrag verpflichtet und wollten durch ihre Lehre etwas bewegen. Während Zitzmann eine Grundlehre für alle Bereiche bildhafter Gestaltung entwickelte, rückte für Beuys der Künstler als Einzelperson mehr und mehr in den Vordergrund. Rituale wurden zelebriert – so auch die Lehre. Als Schamane, den Kopf mit Honig eingerieben und teilweise mit Blattgold belegt, erklärte er einem toten Hasen Bilder.

Statt im vorgegebenen Mustern zu verharren, sollte starres Denken in Bewegung kommen, strömen, fließen.

Als Künstler unvoreingenommen der eigenen Wahrnehmung zu folgen, kreativ zu wirken, das war auch Zitzmanns Credo; aber ihm ging es an der BURG vor allem um eine gültige Basis gestalterisch-künstlerischer Praxis. Seine Grundlehre bildet ein Fundament, aus dem sich später Differenzierugsmöglichkeiten aller Art nach allen Richtungen der Gestaltung ergeben. Dies gilt im sichtbaren Bereich und darüber hinaus.

Anschaulich berührte sein Unterricht ganz persönliche Erfahrungsbereiche, verbunden mit der Suche nach Gesetzlichkeiten von Formwirkung auf den Menschen. Das mag sein vorwiegend wissenschaftliches Ziel sein, aber dessen Anwendung reicht tief ins Künstlerische hinein.

Es war vor allem Zitzmanns Verdienst, durch seine Grundlehre der Gestaltung, in der schwierigen Zeit der Formalismusdebatte und des Bitterfelder Weges, das bestehende Realismusverständnis aus seiner Begrenztheit entlassen zu haben. So konnte für uns Studenten die Schulung einer formkritischen Wahrnehmung, wie ein Blinkzeichen der Freiheit wirken, das nicht nur den Umgang mit bildhaft formenden Kräften betraf.

Beuys formulierte, wie Zitzmann, ein Verlangen nach „mehr Gewicht auf Klang und Form, denn Sprache, auch die bildhafte, formt als Ausdrucksmittel erst den Gedanken“. So weit Beuys.  Es geht also beiden um die Mittel, die zu erarbeiten sind, „um das Unsichtbare sichtbar zu machen“, oder um „das Unbekannte in der Kunst“ zu ermöglichen, wie es Klee oder Baumeister ausdrückten.

 

„Hebe die Form aus wirrender Hülle,

suche das Klare in irrender Fülle

Alle Fragmente, die du ersonnen

Sind sonst am Ende in Nichts zerronnen.“

 

Zitzmann war also auch Dichter, Poet. Das wussten wir nicht. – Für uns Studenten an der BURG war er ein bewunderter Pädagoge, ein kompetenter Theoretiker und Psychologe. So sahen wir ihn in Halle.

In Jena aber war er Maler. Nun ist nicht jeder Maler auch zugleich ein guter Pädagoge und umgekehrt. Wie leicht will auch die didaktisch-methodische Absicht den Künstler dominieren. Anspruchsvolle Bilder suchen nach Dialog zwischen Werk und Betrachter. Allzu oft wurde in den 60er und 70er Jahren ein Kunstwerk zur Bühne für politisches Statements. Manches Tafelbild erfüllte damals nicht den eigentlich künstlerischen Anspruch, etwas zu schaffen, das über den Tag hinaus, auch in neuer Situation, uns anspricht und bewegt. Aus diesem Grund wurden Marees und Schlemmer von Lothar Zitzmann sehr verehrt. Für beide galt die menschliche Gestalt als „höchste Aufgabe“, aber nicht als individuelles Modell, sondern als allgemeiner Typus, als geformter Organismus menschlichen Daseins.

In letzten Gesprächen, die er mit uns Kollegen führte, sprach er von dem Vorhaben, die Grundlehre ganz von der menschlichen Figur aus zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang bekommt die Ausstellung einen besonderen Wert.  Sie zeigt Proben des frühen Anfangs, die kaum bekannten Zeichnungen und Aktstudien – linear oder als plastisch-räumliche Studie auf der Fläche. Erzählendes, Persönliches wird abgelöst durch abstrakte Versuche und die immer wieder mit der Lehre verbundenen Bemühungen, um eine schlüssige Gestalt.

Durch konsequente Auseinandersetzung mit dem Bildhaften gelangen ihm kraftvolle Kompositionen, die in zentralen Galerien unseres Landes vertreten sind. In ihrer reduzierten  Darstellung sind sie zuweilen gewollt lapidar, doch bewegt uns innere Größe durch die kluge Komposition, in die menschliches Maß voller Kraft gegossen ist. Mit ihrer verdichteten Form haftet Zitzmanns reifen Figurenkompositionen etwas Bezwungenes und zugleich etwas Bezwingendes an.

Bestes Beispiel ist die großartige „Drei-Frauen-Komposition“, die Frau Zitzmann mit Unterstützung seiner ehemaligen Studenten gerne der Moritzburg in Halle, dem Ort seines Wirkens, überlassen hätte. Es gab aber da leider kein Interesse an so einem zentralen Bild der 60er Jahre.

Eine gewisse Tragik ist auch, dass Zitzmanns Grundlehre zu Lebzeiten am fehlenden Papierkontingent scheiterte.

Natürlich wird auch an der BURG inzwischen in anderen Kategorien gelehrt. Die Zeichnungen aus Asche verbrannter Zeichnungen zeigen es.

Bleiben werden aber das konsequente künstlerische Werk und die elementaren Erkenntnisse, die dank Zitzmanns überzeugender Lehre in einer ganzen Generation von ehemaligen Burgstudenten auch im Ausland weiterwirken.