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Eröffnungsrede: (PA) Heidi Wagner-Kerkhof u. Ha...

Eröffnungsrede: (PA) Heidi Wagner-Kerkhof u. Hannes H. Wagner

Vor drei Tagen ging in diesen Räumen die Ausstellung des bekannten halleschen Künstlers Werner Rataiczyk anlässlich dessen 85. Geburtstages zu Ende. Heute eröffnen wir eine ebenfalls äußerst interessante Ausstellung mit Arbeiten des Künstlerehepaares Prof. Hannes H. Wagner und Heidi Wagner-Kerkhof. 

Im Januar diesen Jahres feierte Prof. Wagner seinen 85. Geburtstag. Aus Anlass dieses Jubiläums freuen wir uns, diese Ausstellung mit Malerei und Grafik des Künstlers präsentieren zu können. Von Frau Heidi Wagner-Kerkhof zeigen wir in einer Personalausstellung Bildhauerarbeiten. Eine interessante Konstellation. Nunmehr 40 Jahre leben und arbeiten Wagners zusammen, beide im hohen Maße der Kunst verpflichtet und verbunden – die heutige Ausstellung zeigt uns nicht nur wunderbare Ergebnisse ihres Schaffens, sondern auch, dass es gelingen kann und dass es Wagners gelungen ist, zwei wesentliche künstlerische Werke zu schaffen. Auf die Frage nach dem Wie sagt Frau Wagner-Kerkhof: „Wir haben uns Freiräume gelassen, natürlich unsere Gedanken und Pläne ausgetauscht.“, was Hannes H. Wagner so unterstreicht und treffend ergänzt: „Wir haben uns gegenseitig nicht gestört.“. Geheiratet haben Heidi und Hannes H. Wagner im April (6.) 1968.

Heidi Wagner-Kerkhof ist, so könnte man sagen, unser Überraschungsgast, eine Künstlerin, von der wir einige Arbeiten kannten, die uns sehr gefielen. Deshalb wollten wir sie gern zusammen mit Ihrem Mann anlässlich dessen 85. Geburtstages ausstellen. Es kommt – auch in Halle nicht - gar nicht so häufig vor, dass beide Ehepartner engagiert künstlerisch tätig sind. Christina und Helmut Brade, Familie Rataiczyk, das Ehepaar Dietzel, Dimanskis und die jungen Künstler Michael und Tatiana Karlovski fallen mir ein. Die Künstlerin Heidi Wagner-Kerkhof und das Spektrum Ihres Schaffens haben wir eigentlich erst in den vergangenen Monaten bei der Vorbereitung der Ausstellung kennen gelernt. Da tauchten plötzlich immer mehr und immer neue Kunstwerke auf, die wir noch nicht kannten – aus dem Atelier in Berlin, aus anderen Galerien, von Leihgebern und Freunden. Eine Überraschung folgte der anderen – wir waren begeistert. Heidi Wagner-Kerkhof schafft wunderbare, plastische Arbeiten in unterschiedlichsten Materialien und sie zeichnet auch. Die Künstlerin kann vom Umfang und der Größe ihrer Arbeiten auf ein überraschend reiches Spektrum blicken – es gibt überlebensgroße Kunst am Bau-Plastiken und eine Vielfalt von bildhauerischen Arbeiten bis hin zur Kleinkunst in Medaillenform. Es ist alles da und großartig und hier an ausgewählten Beispielen in der Ausstellung zu sehen. Wir haben zwei wichtige ebenbürdige Ausstellungen, jede auf ihre Weise, auch im gemeinsamen Anliegen etwas Besonderes. Das ist praktisch ein Geschenk. 

Heidi Wagner-Kerkhof ist 1945 in Spremberg/Niederlausitz geboren. Sie studierte von 1965 – 1971 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein mit Diplom-Abschluss als Designerin. 1971 war sie freiberuflich tätig als Designerin. 1975 wandte sie sich den plastischen Arbeiten zu. Von 1975 studierte sie bei Prof. Gerhard Lichtenfeld Bildhauerei auf der Burg Giebichenstein, Halle mit Abschluss des Studiums im Jahr 1978. Seitdem ist sie als Bildhauerin tätig. 1981 folgte ein zweimonatiger Studienaufenthalt zum 5. Internationalen Kleinplastik- und Medaillensymposium in Nyiegyhaza/Ungarn, 1992 ein mehrwöchiger Studienaufenthalt zum 3. Internationalen Medaillensymposium in Kremnica/ Slowakei. 1992 gewann sie den 1. Preis im Denkmalwettbewerb der Stadt Henningsdorf bei Berlin, dem bis 1993 die Realisierung folgte. 1998/99 gewinnt sie einen Wettbewerb zur Gestaltung einer Skulptur für das Krankenhaus Oranienburg. Seit 1999 hat Frau Wagner-Kerkhof ihr Atelier im Künstlerhof Frohnau (Berlin) und ist seitdem in Halle und Berlin tätig. Es gibt zahlreiche Einzelausstellungen und wichtige Ausstellungsbeteiligungen seit 1990 in Hasselt (Belgien), in Nauen, in der Ausstellung „Medaillenkünstlerinnen in Deutschland“ in der Staatlichen Galerie Moritzburg Halle, im Frauenmuseum Bonn. Seit 1997 war sie sieben Mal beteiligt in der Auswahl der Bundesrepublik Deutsch-land auf der FIDEM in London, Budapest, Neuchatal, Den Haag, Weimar, Paris und Seixal. In diesen Jahren weitere Ausstellungen in Aschersleben, Kremnica (Slowakei), Nyiregyhaza (Ungarn), im Museum Gransee, in Halberstadt, Bernau, Magdeburg, Pulsnitz, im Kunstverein Halle, auf Schloss Schwarzenberg, 1999 in der Ausstellung „Positionen der 90er Jahre“ in der Landesvertretung Brandenburg in Bonn, 2001 und 2002 in der Orangerie Potsdam-Sanssouci und auf Schloss Rheinsberg, 2001 in Rangsdorf bei Berlin (mit Hannes H. Wagner). 2002 und 2003 Ausstellung „Medaillenkunst aus Halle im 20. Jahrhundert“, Plastikausstellung Magdeburg und Staatliche Galerie Moritzburg Halle, 2005 Ausstellung im Skulpturengarten des Kunstvereines Talstraße, Halle. 

Werke von Heidi Wagner-Kerkhog befinden sich auch im öffentlichen Raum sowie im öffentlichen und privaten Besitz.

Wie der Bildhauer Horst Brühmann, der nach einem sehr guten Diplom-abschluss als Architekt ein Bildhauerstudium aufnahm und erfolgreich beendete, hat Frau Wagner-Kerkhof nach dem Studium als Formgestalter mit sehr gutem Designer-Diplomabschluss ein Bildhauerstudium aufgenommen und erfolgreich beendet. Prof. Gerhard Lichtenfeld war ein ausgezeichneter Hochschullehrer und er war es auch für die Studentin Heidi Kerkhof. Ihm haben wir die Bildhauerin Heidi Wagner-Kerkhof zu verdanken. Es war auch Lichtenfeld der ihr zugeredet und geraten hat, Medaillen zu gestalten. In der Ausstellung sind zahlreiche Arbeiten zu sehen. Medaillen, die zur hohen Schule dieses künstlerischen Genres gehören. 

Es gibt sehr schöne weibliche und männliche Aktdarstellungen. Hier in der Ausstellung ist als ein Beispiel der wunderbare weibliche Torso zu sehen oder die Terrakotta-König Speckh, der in seiner ganzen Schönheit nachdenklich stimmt. Der „Weibliche Torso“ ist eine Leihgabe des Ehepaares Gisela und Dr. Jürgen Metzner, die ich hier herzlich begrüßen möchte. Vielen Dank, dass Sie uns diese Plastik für die Ausstellung ausgeliehen haben. Sie wissen, dass sie bei uns in guten Händen ist, wie wir wissen, dass Kunstwerke, die aus unserer Galerie bei Ihnen einen Platz finden, in sehr guten Händen sind.
85 Jahre ist Prof. Hannes H. Wagner im Januar dieses Jahres geworden. Er kann ein selbstbestimmtes, kreatives und erfülltes Leben und Schaffen vorweisen. Sein künstlerisches Denvre beinhaltet das Ergebnis seines engagierten Schaffens auf dem Gebiet der Malerei, Zeichnung, Grafik und Literatur. 

In der Publikation „Menschhausen (spezial)" mit einer Sammlung eines Teiles seiner Aphorismen schreibt Hannes H. Wagner über sein Leben:

„Geboren 1922 in Schneeberg. Um 1926 erste Erfolge der Objekt- und Wandbemalung mit Kopierstift und Stempelfarbe zur Erbauung der Lieben. Diverse Schulen, Kriegs- und früher Minnedienst vermochten diesen erhellenden Drang zur Kunst nur mäßig zu dämpfen. Nach Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft hinterließen Tingeltours im Südwestraum des verbeulten Vaterlandes tiefe kulturelle Spuren. Dem folgte eine verkürzte Lehre zum Chemiefacharbeiter bei Agfa Wolfen. Die Ausbildung gipfelte 1949 schließlich in der Miterfindung der gesellschaftserhaltenden „Nährhefe mit Rauchfleischgeschmack“, woraufhin das Wegloben zum Studium der Malerei an Burg Giebichenstein Halle einzig logische Konse-quenz der Firma war. Das Studium bei Bunge und Crodel minderte in gar nichts die triebhaften Gelüste am bildnerischen Tun. Im Ge-genteil entwickelte ich mich in Schüben von unberechenbarer Zwangsläufigkeit, wie ich das von mir auch nicht anders erwartet hatte. Einer Aspirantur auf dem Giebichenstein folgte 1958 der „auf allerhöchste Empfehlung“ hin angeordnete Rausschmiss als „… entlarvter Klassenfeind und Vertreter der bürgerlichen Dekadenz und Unmoral …“. 1962 auf Betreiben von Kollegen des Lehrkörpers Rückkehr an die Hochschule und Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit unter erschwerten Bedingungen. Allem zum Trotz erfolgte dennoch der „unaufhaltsame Aufstieg“ zum Dozenten (1965), Professor (1975) und schließlich Emeritus (1987). Mit meinen beiden Freundinnen Satire und Humor hatte ich seit eh und je ein teils lockeres, teils intimes Verhältnis, bis wir drei dann, etwa 1970 auch in der Kunst, für jedermann sichtbar, miteinander dauerhaft schwanger gehen. Andere wesentliche oder unwesentliche Daten sind schmalen einschlägi-gen Veröffentlichungen zu entnehmen – oder auch nicht.“

1991 war Hannes H. Wagner mit seiner Frau nach Hohen Neuendorf bei Berlin übergesiedelt. 1999 Rückkehr nach Halle. Seit dieser Zeit setzte ein allmählicher Verlust des Sehvermögens ein. Seitdem ausschließliche Beschäftigung mit dem Wort, Aphorismenband „Menschhausen (spezial)“. Ein weiterer Band liegt fertig zum Druck vor mit dem Titel „Leben – zum Fressen gern“. Im Jahre 1990 ist Hannes H. Wagner Mitbegründer des Halleschen Kunstvereins e. V.; von 1993 bis 1996 ist er Vorsitzender des „Freundes- und Förderkreises der Burg Giebichenstein – Hochschule für Kunst und Design – Halle“

Preise
1951    Max-Pechstein-Preis Zwickau
1969    Händelpreis Halle
1991    1. Preis im Wettbewerb „Voltaire in Potsdam“
1998    Kulturpreis des Landkreises Oberhavel

Werke von Hannes H. Wagner gibt es in zahlreichen privaten Sammlungen und im öffentlichen Besitz in allen öffentlichen Sammlungen von Rang und Namen.

Einzelausstellungen seit 1990 (Auswahl): Halle, Schloss Oranienburg, Berlin-Buch und Berlin-Tegel, Karlsruhe, Berlin, Potsdam, Berlin-Pankow, im Kunst-verein Halle, im Braith-Mali-Museum, Biberach und in der Galerie Dr. Stelzer und Zaglmaier in Halle. 

Als Auguste Renoir während seines Studiums an der Ecole des Beaux-Art in Paris einmal einen Akt malte (~ 1860), blieb sein Professor (Charles Gleyre) vor seiner Staffelei stehen, sah sich das Bild genau an und bemerkte: „Geben Sie sich mehr Mühe. Sie scheinen ja zu glauben, die Malerei sei ein Vergnügen.“ Renoirs Antwort darauf: „Selbstverständlich, sonst wäre ich doch nicht Maler geworden.“

Diese Antwort hätte auch von Hannes H. Wagner stammen können. Seinem zupackenden und lebensbejahenden Humor begegnet man in seinen Bildern und man erlebt als Betrachter unmittelbar seine Freude am Schaffen, aber auch die innere Verpflichtung einer gelebten tiefgründigen Ernsthaftigkeit. Hannes H. Wagner ist aber auch ein begabter Aphoristiker. Mit einem Aphoris-mus sagt er selbst: „Das Leben ist ein Spaß, denn, wenn es kein Spaß wäre, ich wüsste nicht warum, weshalb …“. Dieser Spaß beinhaltet Ironie und Satire zu sich selbst und der Gesellschaft gegenüber. Scherz, Satire und Ironie sind bei Hannes H. Wagner niemals ohne tiefere Bedeutung. In seinen Aphorismen klingt das so:
·    Kunst verhält sich zu Können, wie Ausbildung zu Einbildung.
·    Nur wer liebt, lebt.
·    Wenn schon beißen, dann doch lieber in Kernseife, als ins Gras.
·    Man brachte sie glücklich unter die Kühlerhaube.
·    Hörte man das Gras wachsen, könnten wir die Vorwürfe der Natur nicht ertragen. 
und
·    Es gibt Sachen, die gibt es tatsächlich.

Hannes H. Wagner hat den ihm eigenen Sinn für Humor mehrfach als einen Grundzug seines Wesens bezeichnet. Dieser ist, so Wolfgang Hütt, „Teil eines ins Faustische drängenden Charakterzugs des Künstlers, der erkennbar auch sein äußeres Erscheinungsbild prägt.“

Hannes H. Wagner leitete von 1962 bis zu seiner Emeritierung 1987 an der Hochschule für Kunst und Design in Halle eine Malklasse. 

Zu seinen vielen Schülern zählen so bekannte Maler und Grafiker wie Henry und Steffi Deparade, Ludwig Ehrler, Manfred Gabriel, Werner Liebmann, Dieter Gilfert, Klaus Sängerhaut, Günther Rechn, Ralph Penz, Peter Preiß, Gerhard Schwarz, Hans-Joachim Triebsch, Bernd Wilke, Dieter Zimmermann, u. a.

Er selbst hat ein großartiges Werk von Gemälden, Zeichnungen, Ölpastellen und Grafiken geschaffen. Ich denke da u. a. an zahlreiche Selbstbildnisse – Frau Heidi Wagner-Kerkhof hat jedes Jahr einmal, entweder zum Geburtstag, zu Ostern oder zu Weihnachten geschenkt bekommen. Einige sind hier zu se-hen. Neben den Ölgemälden entstanden Ölpastelle, Aquarelle, Holzschnitte, Radierungen und Lithografien, von denen in der Ausstellung sehr schöne Bei-spiele zu sehen sind. Ein phantastisches Blatt zeigt den Zauberer, ein Holzschnitt von 1950, mit dem der Künstler die gute Tradition der deutschen Holz-schnittkunst des 20. Jahrhunderts pflegt und fördert. Sehr beeindruckend sind auch die Ölpastelle aus den letzten Schaffensjahren Hannes H. Wagners, die Sie hier betrachten können. Alle Blätter zeugen von der Energie und der vita-len Freude des Künstlers, mit dem er diese Arbeiten geschaffen hat. Hannes H. Wagner schuf auch Wandgemälde – in Halle-Neustadt entstand in den 60er Jahren im Atrium eines Medizinischen Zentrums, das Wandgemälde zum Leben und Wirken der Dorothea Erxleben – der ersten in Deutschland zugelassenen Ärztin. 

„Aus dem Bauch und aus dem Kopf – ich habe beidem eine Chance ge-geben“, sagt Hannes H. Wagner. Vor zehn Jahren hat er zum letzten Mal an der Staffelei gestanden, als letzte Arbeit entstand ein Ölpastell-Selbstporträt, dessen Entstehen er auf Grund des schwindenden Sehvermögens gerade noch so kontrollieren konnte. Hannes H. Wagner ist vor wenigen Wochen 85 Jahre als geworden – er ist ungebeugt – eigentlich kann man sagen: er ist immer noch der Alte, wie wir ihn kennen. Wir freuen uns, lieber Hannes, dass wir deine wunderbaren Arbeiten hier zeigen können.

Das Künstlerehepaar hat Poster und Karten gestiftet, deren Verkaufserlös der Fanconi-Anämie-Stiftung zugute kommt. Vielen Dank.

Wir haben wieder ein Faltblatt von jedem Künstler produziert. Ich möchte mit einem großen Dankeschön für die gute Zusammenarbeit Heidi Wagner-Kerk-hof und Prof. Hannes H. Wagner, auch im Namen von Herrn Thomas Zaglmaier und unseren Familien danken. Dank gebührt auch für Ihre engagierte Mitwirkung beim Aufbau der Ausstellung unserer Praktikantin Peggy Ahrent sowie dem Sohn von Hannes H. Wagner, Jens Wagner. 

Abschließend möchte ich Hannes H. Wagner mit einem seiner treffenden Aphorismen noch einmal selbst zu Worte kommen lassen: „Das ist Kunst“ – jauchzte ich als kleiner Junge, wenn einer den einarmigen Handstand vollführte und noch dazu Mundharmonika spielte. Heute als altes Semester, bin ich wieder dieser Meinung.“


Dr. H. Stelzer